Zusatz
1. Das Verhältnis der Kraft und ihrer Äußerung ist im Rückblick
auf das unmittelbare Verhältnis des Ganzen und der Teile als unendlich
zu betrachten, da in demselben die Identität der beiden Seiten, welche
in diesem letzten Verhältnis nur erst an sich vorhanden war, gesetzt
ist. Das Ganze, obschon an sich aus Teilen bestehend, hört gleichwohl
auf, ein Ganzes zu sein, indem es geteilt wird, wohingegen die Kraft
erst dadurch, daß sie sich äußert, sich als Kraft bewährt und in ihrer
Äußerung zu sich selbst zurückkehrt, denn die Äußerung ist selbst wieder
Kraft. Ferner ist nun aber auch dies Verhältnis wieder endlich,
und die Endlichkeit desselben besteht überhaupt in diesem Vermitteltsein,
so wie umgekehrt das Verhältnis des Ganzen und der Teile sich um seiner
Unmittelbarkeit willen als endlich erwiesen hat. Die Endlichkeit
des vermittelten Verhältnisses der Kraft und ihrer Äußerung zeigt sich
zunächst darin, daß eine jede Kraft bedingt ist und zu ihrem Bestehen
eines Anderen bedarf, als sie selbst ist. So hat z.B. die magnetische
Kraft bekanntlich ihren Träger vornehmlich am Eisen, dessen sonstige
Eigenschaften (Farbe, spezifische Schwere, Verhältnis zu Säuren usw.)
von dieser Beziehung zum Magnetismus unabhängig sind. Ebenso verhält
es sich mit allen übrigen Kräften, welche sich durchgängig als durch
anderes, als sie selbst sind, bedingt und vermittelt erweisen.—Die
Endlichkeit der Kraft zeigt sich ferner darin, daß dieselbe, um sich
zu äußern, der Sollizitation bedarf. Dasjenige, wodurch die Kraft
sollizitiert wird, ist selbst wieder Äußerung einer Kraft, welche,
um sich zu äußern, gleichfalls sollizitiere werden muß. Wir erhalten
auf diese weise entweder wieder den unendlichen Progreß oder die Gegenseitigkeit
des Sollizitierens und des Sollizitiertwerdens, wobei es dann aber
immer noch an einem absoluten Anfang der Bewegung fehlt. Die Kraft
ist noch nicht wie der Zweck das sich in sich selbst Bestimmende; der
Inhalt ist ein bestimmt gegebener, und indem dieselbe sich äußert,
so ist sie, wie man zu sagen pflegt, in ihrer Wirkung blind, worunter
dann eben der Unterschied zwischen der abstrakten Kraftäußerung und
der zweckmäßigen Tätigkeit zu verstehen ist.
Zusatz
2. Obschon die so oft wiederholte Behauptung, daß nur die Äußerung
der Kräfte, nicht aber diese selbst zu erkennen seien, um deswillen
als unbegründet von der Hand gewiesen werden muß, weil die Kraft eben
nur dies ist, sich zu äußern, und wir somit in der als Gesetz aufgefaßten
Totalität der Äußerung zugleich die Kraft selbst erkennen, so ist dabei
doch nicht zu übersehen, daß in dieser Behauptung von der Unerkennbarkeit
des Ansich der Kräfte eine richtige Ahnung der Endlichkeit dieses Verhältnisses
enthalten ist. Die einzelnen Äußerungen einer Kraft treten uns zunächst
in unbestimmter Mannigfaltigkeit und in ihrer Vereinzelung als zufällig
entgegen; wir reduzieren dann dieses Mannigfaltige auf seine innere
Einheit, welche wir als Kraft bezeichnen, und werden uns des scheinbar
Zufälligen, indem wir das darin herrschende Gesetz erkennen, als eines
Notwendigen bewußt. Nun aber sind die verschiedenen Kräfte selbst
wieder ein Mannigfaltiges und erscheinen in ihrem bloßen Nebeneinander
als zufällig. Man spricht demgemäß in der empirischen Physik von
Kräften der Schwere, des Magnetismus, der Elektrizität usw., und ebenso
in der empirischen Psychologie von Erinnerungskraft, von Einbildungskraft,
von Willenskraft und allerhand sonstigen Seelenkräften. Hierbei
rekurriert dann das Bedürfnis, sich dieser verschiedenen Kräfte gleichfalls
als eines einheitlichen Ganzen bewußt zu werden, und dieses Bedürfnis
würde seine Befriedigung dadurch nicht erhalten, daß man die verschiedenen
Kräfte etwa auf eine denselben Gemeinsame Urkraft reduzierte. Wir
hätten an solcher Urkraft in der Tat nur eine leere Abstraktion, ebenso
inhaltslos als das abstrakte Ding an sich. Dazu kommt, daß das Verhältnis
der Kraft und ihrer Äußerung wesentlich das vermittelte Verhältnis
ist und daß es somit dem Begriff der Kraft widerspricht, wenn dieselbe
als ursprünglich oder auf sich beruhend aufgefaßt wird.—Wir lassen
es uns bei dieser Bewandtnis, die es mit der Natur der Kraft hat, zwar
gefallen, wenn gesagt wird, die existierende Welt sei eine Äußerung
göttlicher Kräfte, allein wir werden Anstand nehmen, Gott selbst als
bloße Kraft zu betrachten, weil die Kraft noch eine untergeordnete
und endliche Bestimmung ist. In diesem Sinn hat dann auch die Kirche,
als man beim sogenannten Wiedererwachen der Wissenschaften sich daran
begab, die einzelnen Erscheinungen der Natur auf denselben zugrunde
liegende Kräfte zurückzuführen, dies Unternehmen um deswillen für gottlos
erklärt, weil, wenn es die Kräfte der Gravitation, der Vegetation usw.
seien, welche die Bewegung der Himmelskörper, das Wachstum der Pflanzen
usw. veranlassen, für die göttliche Weltregierung nichts zu tun übrig
bleibe und Gott somit zu einem müßigen Zuschauer bei solchem Spiel
der Kräfte herabgesetzt werde. Nun haben zwar die Naturforscher
und namentlich Newton, indem sie sich der Reflexionsform der Kraft
zur Erklärung der Naturerscheinungen bedient, zunächst ausdrücklich
befürwortet, daß damit der Ehre Gottes, als des Erschaffers und Regierers
der Welt, kein Abbruch geschehen solle; es liegt indes in der Konsequenz
dieses Erklärens aus Kräften, daß der räsonierende Verstand dazu fortschreitet,
die einzelnen Kräfte eine jede für sich zu fixieren und dieselben in
dieser Endlichkeit als ein Letztes festzuhalten, welcher verendlichten
Welt selbständiger Kräfte und Stoffe gegenüber zur Bestimmung Gottes
nur die abstrakte Unendlichkeit eines nicht erkennbaren, höchsten jenseitigen
Wesens übrigbleibt. Dies ist dann der Standpunkt des Materialismus
und der modernen Aufklärung, deren Wissen von Gott, unter Verzichtleistung
auf das Was, sich auf das bloße Daß seines Seins
reduziert. Ob nun schon der Kirche und dem religiösen Bewußtsein
bei der hier erwähnten Polemik insofern recht zu geben ist, als die
endlichen Verstandesformen allerdings nicht genügen, weder um die Natur
noch um die Gestaltungen der geistigen Welt in ihrer Wahrheit zu erkennen,
so ist doch auch andererseits die formelle Berechtigung zunächst der
empirischen Wissenschaft nicht zu übersehen, welche Berechtigung überhaupt
darin besteht, die vorhandene Welt in der Bestimmtheit ihres Inhalts
der denkenden Erkenntnis zu vindizieren und es nicht bloß bei dem abstrakten
Glauben an das Erschaffensein und Regiertwerden der Welt durch Gott
bewenden zu lassen. Wenn unser auf die Autorität der Kirche gestütztes
religiöses Bewußtsein uns darüber belehrt, daß Gott es ist, welcher
durch seinen allmächtigen Willen die Welt erschaffen hat, und daß er
es ist, der die Gestirne in ihren Bahnen lenkt und aller Kreatur ihr
Bestehen und Gedeihen verleiht, so bleibt dabei doch auch das Warum
zu beantworten, und die Beantwortung dieser Frage ist es überhaupt,
welche die gemeinschaftliche Aufgabe der Wissenschaft, sowohl der empirischen
als auch der philosophischen, bildet. Indem das religiöse Bewußtsein,
diese Aufgabe und das darin enthaltene Recht nicht anerkennend, sich
auf die Unerforschlichkeit der göttlichen Ratschlüsse beruft, so tritt
dieselbe damit selbst auf den vorher erwähnten Standpunkt der bloßen
Verstandesaufklärung und ist solche Berufung nur als eine mit dem ausdrücklichen
Gebot der christlichen Religion, Gott im Geist und in der Wahrheit
zu erkennen, im Widerspruch stehende, beliebige Versicherung einer
keineswegs christlichen, sondern hoffärtig fanatischen Demut zu betrachten.
§ 137
Die Kraft ist als das Ganze, welches an sich selbst
die negative Beziehung auf sich ist, dies, sich von sich abzustoßen
und sich zu äußern. Aber da diese Reflexion-in-Anderes,
der Unterschied der Teile, ebensosehr Reflexion-in-sich ist, so ist
die Äußerung die Vermittlung, wodurch die Kraft, die in sich zurückkehrt,
als Kraft ist. Ihre Äußerung ist selbst das Aufheben der Verschiedenheit
der beiden Seiten, welche in diesem Verhältnisse vorhanden ist, und
das Setzen der Identität, die an sich den Inhalt ausmacht.
Ihre Wahrheit ist darum das Verhältnis, dessen beide Seiten nur als
Inneres und Äußeres, unterschieden sind.
§ 138
g) Das Innere
ist der Grund, wie er als die bloße Form der einen Seite
der Erscheinung und des Verhältnisses ist, die leere Form der Reflexion-in-sich,
welcher die Existenz gleichfalls als die Form der andern Seite des
Verhältnisses mit der leeren Bestimmung der Reflexion-in-Anderes als
Äußeres gegenübersteht. Ihre Identität ist die erfühllte,
der Inhalt, die in der Bewegung der Kraft gesetzte Einheit
der Reflexion-in-sich und der Reflexion-in-Anderes; beide sind dieselbe
eine Totalität, und diese Einheit macht sie zum Inhalt.
§ 139
Das Äußere ist daher für erste derselbe Inhalt
als das Innere. Was innerlich ist, ist auch äußerlich vorhanden
und umgekehrt; die Erscheinung zeigt nichts, was nicht im Wesen ist,
und im Wesen ist nichts, was nicht manifestiert ist.
§ 140
Zweitens. Inneres und Äußeres sind aber auch
als Formbestimmungen sich, und zwar schlechthin, entgegengesetzt
als die Abstraktionen von Identität mit sich und von bloßer Mannigfaltigkeit
oder Realität. Indem sie aber als Momente der einen Form wesentlich
identisch sind, so ist das, was nur erst in der einen Abstraktion
gesetzt ist, unmittelbar auch nur in der anderen.
Was daher nur ein Innerliches ist, ist auch damit
nur ein Äußerliches, und was nur ein
Äußerliches ist, ist auch nur erst ein Innerliches.