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Erste Abteilung der Logik
Die Lehre vom Sein
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Das Maß
§ 107
Das
Maß ist das qualitative Quantum, zunächst als unmittelbares,
ein Quantum, an welches ein Dasein oder eine Qualität gebunden ist.
Zusatz.
Das Maß als die Einheit der Qualität und der Quantität ist hiermit
zugleich das vollendete Sein. Wenn wir vom Sein sprechen, so erscheint
dasselbe zunächst als das ganz Abstrakte und Bestimmungslose; nun aber
ist das Sein wesentlich dies, sich selbst zu bestimmen, und seine vollendete
Bestimmtheit erreicht dasselbe im Maß. Man kann das Maß auch als
eine Definition des Absoluten betrachten, und es ist demgemäß gesagt
worden, Gott sei das Maß aller Dinge. Diese Anschauung ist es denn
auch, welche den Grundton mancher althebräischen Gesänge bildet, in
welchen die Verherrlichung Gottes im wesentlichen darauf hinausläuft,
daß er es sei, welcher allem seine Grenze gesetzt, dem Meer
und dem festen Lande, den Flüssen und den Bergen und ebenso den verschiedenen
Arten von Pflanzen und von Tieren. —Im religiösen Bewußtsein der
Griechen finden wir die Göttlichkeit des Maßes in näherer Beziehung
auf das Sittliche als Nemesis vorgestellt. In dieser
Vorstellung liegt dann überhaupt, daß alles Menschliche—Reichtum, Ehre,
Macht und ebenso Freude, Schmerz usw.—sein bestimmtes Maß hat, dessen
Überschreitung zum Verderben und zum Untergang führt.—Was nunmehr
weiter das Vorkommen des Maßes in der gegenständlichen Welt anbetrifft,
so finden wir zunächst in der Natur solche Existenzen, deren wesentlichen
Inhalt das Maß bildet. Dies ist namentlich der Fall mit dem Sonnensystem,
welches wir überhaupt als das Reich der freien Maße zu betrachten haben.
Schreiten wir dann weiter vor in der Betrachtung der unorganischen
Natur, so tritt hier das Maß insofern gleichsam in den Hintergrund,
als hier vielfältig die vorhandenen qualitativen und quantitativen
Bestimmungen sich als gleichgültig gegeneinander erweisen. So ist
z.B. die Qualität eines Felsen oder eines Flusses nicht an eine bestimmte
Größe gebunden. Bei näherer Betrachtung finden wir indes, daß auch
Gegenstände wie die genannten nicht schlechthin maßlos sind, denn das
Wasser in einem Fluß und die einzelnen Bestandteile eines Felsen erweisen
sich bei der chemischen Untersuchung wieder als Qualitäten, die durch
quantitative Verhältnisse der in denselben enthaltenen Stoffe bedingt
sind. Entschiedener in die unmittelbare Anschauung fallend tritt
dann aber das Maß wieder in der organischen Natur hervor. Die verschiedenen
Gattungen der Pflanzen und Tiere haben sowohl im Ganzen als auch in
ihren einzelnen Teilen ein gewisses Maß, wobei noch der Umstand zu
bemerken ist, daß die unvollkommeneren, der unorganischen Natur näherstehenden
organischen Gebilde sich von den höheren zum Teil durch die größere
Unbestimmtheit ihres Maßes unterscheiden. So finden wir z.B. unter
den Petrefakten sogenannte Ammonshörner, die nur durch das Mikroskop
zu erkennen sind, und andere bis zur Größe eines Wagenrades. Dieselbe
Unbestimmtheit des Maßes zeigt sich auch bei manchen Pflanzen, die
auf einer niederen Stufe der organischen Ausbildung stehen, wie dies
z.B. bei den Farnkräutern der Fall ist.
§ 108
Insofern im Maß Qualität und Quantität nur in unmittelbarer
Einheit sind, so tritt ihr Unterschied auf eine ebenso unmittelbare
Weise an ihnen hervor. Das spezifische Quantum ist insofern teils
bloßes Quantum, und das Dasein ist einer Vermehrung und Verminderung
fähig, ohne daß das Maß, welches insofern eine Regel ist,
dadurch aufgehoben wird, teils aber ist die Veränderung des Quantums
auch eine Veränderung der Qualität.
Zusatz.
Die im Maß vorhandene Identität der Qualität und der Quantität
ist nur erst an sich, aber noch nicht gesetzt.
Hierin liegt, daß diese beiden Bestimmungen, deren Einheit das Maß
ist, sich auch eine jede für sich geltend machen, dergestalt, daß einerseits
die quantitativen Bestimmungen des Daseins verändert werden können,
ohne daß dessen Qualität dadurch affiziert wird, daß aber auch andererseits
dies gleichgültige Vermehren und Vermindern seine Grenze hat, durch
deren Überschreitung die Qualität verändert wird. So ist z.B. der
Temperaturgrad des Wassers zunächst gleichgültig in Beziehung auf dessen
tropfbare Flüssigkeit; es tritt dann aber beim Vermehren oder Vermindern
der Temperatur des tropfbar flüssigen Wassers ein Punkt ein, wo dieser
Kohäsionszustand sich qualitativ ändert und das Wasser einerseits in
Dampf und andererseits in Eis verwandelt wird. Wenn eine quantitative
Veränderung stattfindet, so erscheint dies zunächst als etwas ganz
Unbefangenes, allein es steckt noch etwas anderes dahinter, und diese
scheinbar unbefangene Veränderung des Quantitativen ist gleichsam eine
List, wodurch das Qualitative ergriffen wird. Die hierin liegende
Antinomie des Maßes haben bereits die Griechen unter mancherlei Einkleidungen
veranschaulicht. So z.B. in der Frage, ob ein Weizenkorn
einen Haufen Weizen, oder in jener anderen, ob das Ausreißen eines
Haares aus dem Schweif eines Pferdes einen Kahlschweif mache? Wenn
man im Hinblick auf die Natur der Quantität als gleichgültiger und
äußerlicher Bestimmtheit des Seins vorerst geneigt sein wird, jene
Fragen verneinend zu beantworten, so wird man doch demnächst zugeben
müssen, daß dieses gleichgültige Vermehren und Vermindern auch seine
Grenze hat und daß hierbei endlich ein Punkt erreicht wird, wo durch
das fortgesetzte Hinzufügen immer nur eines Weizenkorns
ein Haufen Weizen und durch das fortgesetzte Ausziehen immer nur eines
Haares ein Kahlschweif entsteht. Ebenso wie mit diesen Beispielen
verhält es sich mit jener Erzählung von einem Bauer, welcher die Last
seines munter einherschreitenden Esels so lange um ein Lot
nach dem anderen vermehrte, bis daß derselbe endlich unter der unerträglich
gewordenen Last zusammensank. Man würde sehr Unrecht tun, wenn man
dergleichen bloß für ein müßiges Schulgeschwätz erklären wollte, da
es sich dabei in der Tat um Gedanken handelt, mit denen vertraut zu
sein auch in praktischer und näher in sittlicher Beziehung von großer
Wichtigkeit ist. So findet z.B. in Beziehung auf die Ausgaben, welche
wir machen, zunächst ein gewisser Spielraum statt, innerhalb dessen
es auf ein Mehr und Weniger nicht ankommt; wird dann aber nach der
einen oder nach der andern Seite hin das durch die jedesmaligen individuellen
Verhältnisse bestimmte Maß überschritten, so macht sich die qualitative
Natur des Maßes (in derselben Weise wie bei dem vorher erwähnten Beispiel
der verschiedenen Temperatur des Wassers) geltend, und dasjenige, was
soeben noch als gute Wirtschaft zu betrachten war, wird zu Geiz oder
zu Verschwendung.—Dasselbe findet dann auch seine Anwendung auf
die Politik, und zwar in der Art, daß die Verfassung eines Staates
ebensowohl als unabhängig als auch als abhängig von der Größe seines
Gebiets, von der Zahl seiner Bewohner und anderen solchen quantitativen
Bestimmungen angesehen werden muß. Betrachten wir z.B. einen Staat
mit einem Gebiet von tausend Quadratmeilen und einer Bevölkerung von
vier Millionen Einwohnern, so wird man zunächst unbedenklich zuzugeben
haben, daß ein paar Quadratmeilen Gebiet oder ein paar Tausend Einwohner
mehr oder weniger auf die Verfassung eines solchen Staates keinen wesentlichen
Einfluß haben können. Dahingegen ist dann aber auch ebensowenig
zu verkennen, daß in der fortgesetzten Vergrößerung oder Verkleinerung
eines Staats endlich ein Punkt eintritt, wo, abgesehen von allen anderen
Umständen, schon um dieser quantitativen Veränderung willen auch das
Qualitative der Verfassung nicht mehr unverändert bleiben kann.
Die Verfassung eines kleinen Schweizer Kantons paßt nicht für ein großes
Reich, und ebenso unpassend war die Verfassung der römischen Republik
in ihrer Übertragung auf kleine deutsche Reichsstädte.
§ 109
Das Maßlose ist zunächst dies Hinausgehen
eines Maßes durch seine quantitative Natur über seine Qualitätsbestimmtheit.
Da aber das andere quantitative Verhältnis, das Maßlose des ersten,
ebensosehr qualitativ ist, so ist das Maßlose gleichfalls ein Maß;
welche beiden Übergänge von Qualität in Quantum und von diesem in jene
wieder als unendlicher Progreß vorgestellt werden können—als
das sich im Maßlosen Aufheben und Wiederhersrellen des Maßes.
Zusatz.
Die Quantität ist, wie wir gesehen haben, nicht nur der Veränderung,
d.h. der Vermehrung und Verminderung fahig, sondern sie
ist überhaupt als solche das Hinausschreiten über sich selbst. Diese
ihre Natur bewährt die Quantität dann auch im Maße. Indem nun aber
die im Maß vorhandene Quantität eine gewisse Grenze überschreitet,
so wird dadurch auch die derselben entsprechende Qualität aufgehoben.
Hiermit wird jedoch nicht die Qualität überhaupt, sondern nur diese
bestimmte Qualität negiert, deren Stelte sofort wieder durch eine andere
Qualität eingenommen wird. Man kann diesen Prozeß des Maßes, welcher
sich abwechselnd als bloße Veränderung der Quantität und dann auch
als ein Umschlagen der Quantität in Qualität erweist, unter dem Bilde
einer Knotenlinie zur Anschauung bringen. Dergleichen Knotenlinien
finden wir zunächst in der Natur unter mancherlei Formen. Der durch
Vermehrung und Verminderung bedingten, qualitativ verschiedenen Aggregatzustände
des Wassers wurde bereits früher gedacht. In ähnlicher Weise verhält
es sich mit den verschiedenen Oxydationsstufen der Metalle. Auch
der Unterschied der Töne kann als ein Beispiel des im Prozeß des Maßes
stattfindenden Umschlagens des zunächst bloß Quantitativen in qualitative
Veränderung betrachtet werden.
§ 110
Was hierin in der Tat geschieht, ist, daß die Unmittelbarkeit,
welche noch dem Maße als solchem zukommt, aufgehoben wird; Qualität
und Quantität selbst sind an ihm zunächst als unmittelbare,
und es ist nur ihre relative Identität. Das Maß zeigt
sich aber, in das Maßlose sich aufzuheben, jedoch in diesem, welches
dessen Negation, aber selbst Einheit der Quantität und Qualität ist,
ebensosehr nur mit sich selbst zusammenzugehen.
§ 111
Das Unendliche, die Affirmation als Negation der Negation,
hatte statt der abstrakteren Seiten, des Seins und Nichts, Etwas und
eines Anderen usf., nun die Qualität und Quantität zu seinen Seiten.
Diese sind a) zunächst die Qualität in die
Quantität (§ 98) und die Quantität in die Qualität (§ 105) übergegangen
und damit beide als Negationen aufgezeigt.
b)
Aber in ihrer Einheit (dem Maße) sind sie zunächst unterschieden
und die eine nur vermittels der anderen; und
g)
nachdem sich die Unmittelbarkeit dieser Einheit als sich aufhebend
erwiesen, so ist diese Einheit nunmehr gesetzt als das,
was sie an sich ist, als einfache Beziehung-auf-sich, welche
das Sein überhaupt und dessen Formen als aufgehobene in sich enthält.
—Das Sein oder die Unmittelbarkeit, welche durch die Negation ihrer
selbst Vermittlung mit sich und Beziehung auf sich selbst
ist, somit ebenso Vermittlung, die sich zur Beziehung auf sich, zur
Unmittelbarkeit aufhebt, ist das Wesen.
Zusatz.
Der Prozeß des Maßes ist nicht bloß die schlechte Unendlichkeit des
unendlichen Progresses in der Gestalt eines perennierenden Umschlagens
von Qualität in Quantität und von Quantität in Qualität, sondern zugleich
die wahre Unendlichkeit des in seinem Anderen mit sich selbst Zusammengehens.
Qualität und Quantität stehen im Maß einander zunächst als Etwas und
Anderes gegenüber. Nun aber ist die Qualität an sich
Quantität, und ebenso ist umgekehrt die Quantität an sich Qualität.
Indem somit diese beiden im Prozeß des Maßes ineinander übergehen,
so wird eine jede dieser beiden Bestimmungen nur zu dem, was sie an
sich schon ist, und wir erhalten jetzt das in seinen Bestimmungen negierte,
überhaupt das aufgehobene Sein, welches das Wesen ist.
Im Maß war an sich schon das Wesen, und sein Prozeß besteht nur darin,
sich als das zu setzen, was es an sich ist. —Das gewöhnliche Bewußtsein
faßt die Dinge als seiende auf und betrachtet dieselben nach Qualität,
Quantität und Maß. Diese unmittelbaren Bestimmungen erweisen sich
dann aber nicht als feste, sondern als übergehende, und das Wesen ist
das Resultat ihrer Dialektik. Im Wesen findet kein Übergehen mehr
statt, sondern nur Beziehung. Die Form der Beziehung ist im Sein
nur erst unsere Reflexion; im Wesen dagegen ist die Beziehung dessen
eigene Bestimmung. Wenn (in der Sphäre des Seins) das Etwas zu Anderem
wird, so ist hiermit das Etwas verschwunden. Nicht so im Wesen;
hier haben wir kein wahrhaft Anderes, sondern nur Verschiedenheit,
Beziehung des Einen auf sein Anderes. Das Übergehen des
Wesens ist also zugleich kein Übergehen; denn beim Übergehen des Verschiedenen
in Verschiedenes verschwindet das Verschiedene nicht, sondern die Verschiedenen
bleiben in ihrer Beziehung. Sagen wir z.B, Sein und Nichts,
so ist Sein für sich, und ebenso ist Nichts für sich. Ganz anders
verhält es sich mit dem Positiven und Negativen.
Diese haben zwar die Bestimmung des Seins und des Nichts. Aber das
Positive hat für sich keinen Sinn, sondern es ist dasselbe schlechthin
auf das Negative bezogen. Ebenso verhält es sich mit dem Negativen.
In der Sphäre des Seins ist die Bezogenheit nur an sich;
im Wesen dagegen ist dieselbe gesetzt. Dies ist also überhaupt der
Unterschied der Formen des Seins und des Wesens. Im Sein ist alles
unmittelbar, im Wesen dagegen ist alles relativ.

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