Zusatz
1. Wenn nach der früher (§ 99) erwähnten, in der Mathematik
gewöhnlichen Definition die Größe als dasjenige bezeichnet wird, was
vermehrt und vermindert werden kann, und auch gegen die Richtigkeit
der hierbei zugrunde liegenden Anschauung nichts einzuwenden ist, so
bleibt doch zunächst noch die Frage übrig, wie wir dazu kommen, ein
solches Vermehr- oder Verminderbares anzunehmen.
Wollte man zur Beantwortung dieser Frage sich einfach auf die Erfahrung
berufen, so würde dies um deswillen nicht genügen, weil abgesehen davon,
daß wir dann bloß die Vorstellung und nicht den Gedanken der Größe
hätten, diese sich bloß als eine Möglichkeit (des Vermehrt- und Vermindertwerdens)
erweisen und uns die Einsicht in die Notwendigkeit dieses sich so Verhaltens
fehlen würde. Dahingegen hat sich auf dem Wege unserer logischen
Entwicklung nicht nur die Quantität als eine Stufe des sich selbst
bestimmenden Denkens ergeben, sondern es hat sich auch gezeigt, daß
es im Begriff der Quantität liegt, schlechthin über sich
hinauszuschicken, und daß wir somit hier nicht bloß mit einem Möglichen,
sondern mit einem Notwendigen zu tun haben.
Zusatz 2.
Der quantitative unendliche Progreß ist es vornehmlich, an
welchen der reflektierende Verstand sich zu halten pflegt, wenn es
demselben um die Unendlichkeit überhaupt zu tun ist. Nun aber gilt
von dieser Form des unendlichen Progresses zunächst dasselbe, was früher
über den qualitativ unendlichen Progreß bemerkt wurde, daß nämlich
dieselbe nicht der Ausdruck der wahren, sondern nur jener schlechten
Unendlichkeit ist, welche über das bloße Sollen nicht hinauskommt
und somit in der Tat im Endlichen stehenbleibt. Was dann näher die
quantitative Form dieses endlichen Progresses anbetrifft, welche Spinoza
mit Recht als eine bloß eingebildete Unendlichkeit (infinitum imaginationis)
bezeichnet, so haben nicht selten auch Dichter (namentlich Haller und
Klopstock) sich dieser Vorstellung bedient, um dadurch nicht nur die
Unendlichkeit der Natur, sondern auch Gottes selbst zu veranschaulichen.
Wir finden z.B. bei Haller eine berühmte Beschreibung der Unendlichkeit
Gottes, worin es heißt:
Ich häufe ungeheure Zahlen,
Gebirge Millionen auf,
Ich setze Zeit auf Zeit
Und Welt auf Welt zu Hauf,
Und wenn ich von der grausen Höh
Mit Schwindel wieder nach Dir seh:
Ist alle Macht der Zahl,
Vermehrt zu tausendmal,
Noch nicht ein Teil von Dir.
Hier
haben wir also zunächst jenes beständige Hinausschicken der Quantität
und näher der Zahl Über sich selbst, welches Kant als schauderhaft
bezeichnet, worin indes das eigentlich Schauderhafte nur die Langweiligkeit
sein dürfte, daß beständig eine Grenze gesetzt und wieder aufgehoben
wird und man somit nicht von der Stelle kommt. Weiter fügt nun aber
der genannte Dichter zu jener Beschreibung der schlechten Unendlichkeit
treffend noch als Schluß hinzu:
Ich zieh sie ab, und du liegst ganz vor mir—
womit dann eben
ausgesprochen wird, daß das wahrhaft Unendliche nicht als ein bloßes
Jenseits des Endlichen zu betrachten ist und daß wir, um zum Bewußtsein
desselben zu gelangen, auf jenen progressus in infinitum
zu verzichten haben.
Zusatz 3.
Pythagoras hat bekanntlich in Zahlen philosophiert und die Grundbestimmung
der Dinge als Zahl aufgefaßt. Diese Auffassung muß dem gewöhnlichen
Bewußtsein auf den ersten Anblick als durchaus paradox, ja als verrückt
erscheinen, und es entsteht deshalb die Frage, was von denselben zu
halten ist. Um diese Frage zu beantworten, ist zunächst daran zu
erinnern, daß die Aufgabe der Philosophie überhaupt darin besteht,
die Dinge auf Gedanken, und zwar auf bestimmte Gedanken zurückzuführen.
Nun aber ist die Zahl allerdings ein Gedanke, und zwar derjenige Gedanke,
welcher dem Sinnlichen am nächsten steht, oder bestimmter ausgedrückt,
der Gedanke des Sinnlichen selbst, insofern wir darunter überhaupt
das Außereinander und das Viele verstehen. Wir erkennen somit in
dem Versuch, das Universum als Zahl aufzufassen, den ersten Schritt
zur Metaphysik. Pythagoras steht in der Geschichte der Philosophie
bekanntlich zwischen den ionischen Philosophen und den Eleaten.
Während nun die ersteren, wie schon Aristoteles bemerkt, noch dabei
stehenblieben, das Wesen der Dinge als ein Materielles (als eine
ule)
zu betrachten, die letzteren aber, und näher Parmenides, zum reinen
Denken in der Form des Seins fortgeschritten sind, so ist es die pythagoreische
Philosophie, deren Prinzip gleichsam die Brücke zwischen dem Sinnlichen
und Übersinnlichen bildet. Hieraus ergibt es sich dann auch, was
von der Ansicht solcher zu halten ist, die da meinen, Pythagoras sei
offenbar zu weit gegangen, indem er das Wesen der Dinge
als bloß Zahlen aufgefaßt, und dann bemerken, zählen könne man allerdings
die Dinge, dawider sei nichts einzuwenden, aber die Dinge seien dann
doch noch mehr als bloße Zahlen. Was hierbei das den
Dingen zugeschriebene Mehr anbetrifft, so ist zwar bereitwillig
zuzugeben, daß die Dinge mehr sind als bloße Zahlen, nur kommt es darauf
an, was unter diesem Mehr verstanden wird. Das gemeine
sinnliche Bewußtsein wird einem Standpunkt gemäß keinen Anstand nehmen,
die hier aufgeworfene Frage durch Verweisung auf die sinnliche Wahrnehmbarkeit
zu beantworten und somit zu bemerken, die Dinge seien doch nicht bloß
zählbar, sondern außerdem auch noch sichtbar, riechbar, fühlbar usw.
Der der pythagoreischen Philosophie gemachte Vorwurf würde sich hiermit,
nach unserer modernen Weise ausgedrückt, darauf reduzieren, daß dieselbe
zu idealistisch sei. Nun aber verhält es sich in der Tat gerade
umgekehrt, wie schon aus demjenigen zu entnehmen ist, was vorher über
die historische Stellung der pythagoreischen Philosophie bemerkt wurde.
Wenn nämlich zugegeben werden muß, daß die Dinge mehr als
bloße Zahlen sind, so ist dies so zu verstehen, daß der bloß Gedanke
der Zahl noch nicht hinreicht, um das bestimmte Wesen oder
den Begriff der Dinge dadurch auszusprechen. Anstatt somit zu behaupten,
Pythagoras sei mit seiner Zahlenphilosophie zu weit gegangen,
so wäre vielmehr umgekehrt zu sagen, daß derselbe noch nicht weit
genug gegangen ist, und zwar sind es bereits die Eleaten gewesen,
welche den nächsten Schritt zum reinen Denken getan haben. —Weiter
gibt es dann aber auch, wo nicht Dinge, so doch Zustände von Dingen
und überhaupt Naturphänomene, deren Bestimmtheit wesentlich auf bestimmten
Zahlen und Zahlenverhältnissen beruht. Dies ist namentlich der Fall
mit dem Unterschied der Töne und ihrem harmonischen Zuammenstimmen,
von welchem Phänomen bekanntlich erzählt wird, daß durch dessen Wahrnehmung
Pythagoras zuerst veranlaßt worden sei, das Wesen der Dinge als Zahl
aufzufassen. Ob es nun schon von entschiedenem wissenschaftlichen
Interesse ist, diejenigen Erscheinungen, denen bestimmte Zahlen zugrunde
liegen, auch auf dieselben zurückzuführen, so ist es doch auf keine
Weise zulässig, die Bestimmtheit des Gedankens überhaupt als bloß numerische
Bestimmtheit zu betrachten. Man kann sich zwar zunächst veranlaßt
finden, die allgemeinsten Gedankenbestimmungen an die ersten Zahlen
zu knüpfen, und demgemäß sagen, eins sei das Einfache und
Unmittelbare, zwei der Unterschied und die Vermittlung,
und drei die Einheit dieser beiden. Diese Verbindungen
sind indes ganz äußerlich, und in den genannten Zahlen als solchen
liegt es nicht, der Ausdruck gerade dieser bestimmten Gedanken zu sein.
Je weiter man übrigens in dieser Weise vorscreitet, um so mehr zeigt
sich die bloße Willkür in der Verbindung bestimmter Zahlen mit bestimmten
Gedanken. Man kann so z.B. 4 als die Einheit von 1 und 3 und der
damit verknüpften Gedanken betrachten; allein 4 ist auch ebensogut
die Verdoppelung von 2, und ebenso ist 9 nicht bloß das Quadrat von
3, sondern auch die Summe von 8 und 1, von 7 und 2 usw. Wenn noch
heutzutage gewisse geheime Gesellschaften auf allerhand Zahlen und
Figuren ein großes Gewicht legen, so ist dies einerseits als ein harmloses
Spiel und andererseits als ein Zeichen von Unbehilflichkeit im Denken
zu betrachten. Man sagt dann auch wohl, hinter dergleichen stecke
ein tiefer Sinn und man könne sich viel dabei denken. In der Philosophie
kommt es indes nicht darauf an, daß man sich etwas denken kann, sondern
darauf, daß man wirklich denkt, und das wahrhafte Element
des Gedankens ist nicht in willkürlich gewählten Symbolen, sondern
nur im Denken selbst zu suchen.
§ 105
Dieses sich selbst in seiner fürsichseienden
Bestimmtheit Äußerlichsein des Quantums macht seine Qualität
aus; es ist in demselben eben es selbst und auf sich bezogen. Es
ist die Äußerlichkeit, d.i. das Quantitative, und das Fürsichsein,
das Qualitative, darin vereinigt. —Das Quantum, an ihm selbst
so gesetzt, ist das quantitative Verhältnis,—Bestimmtheit,
welche ebensosehr ein unmittelbares Quantum, der Exponent,
als Vermittlung ist, nämlich die Beziehung irgendeines Quantums
auf ein anderes,—die beiden Seiten des Verhältnisses, die zugleich
nicht nach ihrem unmittelbaren Werte gelten, sondern deren Wert nur
in dieser Beziehung ist.
Zusatz.
Der quantitative unendliche Progreß erscheint zunächst als ein fortwährendes
Hinausschicken der Zahl über sich selbst. Näher betrachtet erweist
sich jedoch die Quantität als in diesem Progreß zu sich selbst zurückkehrend,
denn was dem Gedanken nach darin enthalten ist, das ist überhaupt das
Bestimmtsein der Zahl durch die Zahl, und dies gibt das quantitative
Verhältnis. Sagen wir z.B. 2:4, so haben wir hiermit zwei Größen,
die nicht in ihrer Unmittelbarkeit als solche gelten, sondern bei denen
es nur um ihre gegenseitige Beziehung aufeinander zu tun ist. Diese
Beziehung aber (der Exponent des Verhältnisses) ist selbst eine Größe,
die sich dadurch von den aufeinander bezogenen Größen unterscheidet,
daß mit ihrer Veränderung das Verhältnis selbst sich ändert, wohingegen
das Verhältnis sich gegen die Veränderung seiner beiden Seiten als
gleichgültig verhält und dasselbe bleibt, solange nur der Exponent
sich nicht verändert. Wir können deshalb auch an die Stelle von
2:4 3:6 setzen, ohne daß das Verhältnis sich ändert, denn der Exponent
2 bleibt in beiden Fällen derselbe.
§ 106
Die Seiten des Verhältnisses sind noch unmittelbare
Quanta und die qualitative und die quantitative Bestimmung einander
noch äußerlich. Nach ihrer Wahrheit aber, daß das Quantitative selbst
Beziehung auf sich in seiner Äußerlichkeit ist oder das Fürsichsein
und die Gleichgültigkeit der Bestimmtheit vereinigt sind, ist es das
Maß.
Zusatz. Die Quantität
hat sich vermittels der bisher betrachteten dialektischen Bewegung
durch ihre Momente als Rückkehr zur Qualität erwiesen. Als Begriff
der Quantität hatten wir zunächst die aufgehobene Qualität, d.h. die
nicht mit dem Sein identische, sondern dagegen gleichgültige, nur äußerliche
Bestimmtheit. Dieser Begriff ist es dann auch, welcher (wie früher
bemerkt wurde) der in der Mathematik gewöhnlichen Definition der Größe,
dasjenige zu sein, was vermehrt und vermindert werden kann, zugrunde
liegt. Wenn nun nach dieser Definition es zunächst so scheinen kann,
als sei die Größe nur das Veränderliche überhaupt (denn vermehren sowohl
als auch vermindern heißt eben nur, die Größe anders bestimmen), hiermit
aber dieselbe von dem seinem Begriff nach gleichfalls veränderlichen
Dasein (der zweiten Stufe der Qualität) nicht unterschieden
wäre, so mußte der Inhalt jener Definition dahin vervollständigt werden,
daß wir an der Quantität ein Veränderliches haben, welches ungeachtet
seiner Veränderung doch dasselbe bleibe. Der Begriff der Quantität
erweist sich hiermit als einen Widerspruch in sich enthaltend, und
dieser Widerspruch ist es, welcher die Dialektik der Quantität ausmächt.
Das Resultat dieser Dialektik ist nun aber nicht die bloße Rückkehr
zur Qualität, so als ob diese das Wahre, die Qualität dagegen das Unwahre
wäre, sondern die Einheit und Wahrheit dieser beiden, die qualitative
Quantität—oder das Maß. —Hierbei kann dann noch bemerkt
werden, daß, wenn wir uns bei Betrachtung der gegenständlichen Welt
mit quantitativen Bestimmungen beschäftigen, es in der Tat immer schon
das Maß ist, welches wir als Ziel solcher Beschäftigung vor Augen haben,
wie solches dann auch in unserer Sprache dadurch angedeutet ist, daß
wir das Ermitteln quantitativer Bestimmungen und Verhältnisse als ein
Messen bezeichnen. Man mißt so z.B. die Länge verschiedener
Saiten, welche in Schwingung versetzt werden, unter dem Gesichtspunkt
des diesem Längenunterschied entsprechenden qualitativen Unterschieds
der durch die Schwingung hervorgebrachten Töne. Ebenso wird in der
Chemie die Quantität miteinander in Verbindung gebrachter Stoffe ermittelt,
um die solche Verbindungen bedingenden Maße, d.h. diejenigen Quantitäten,
welche bestimmten Qualitäten zugrunde liegen, zu erkennen. Auch
in der Statistik haben die Zahlen, mit welchen man sich beschäftigt,
nur ein Interesse wegen der dadurch bedingten qualitativen Resultate.
Bloße Zahlenermittlungen als solche, ohne den hier angegebenen leitenden
Gesichtspunkt, gelten dagegen mit Recht als eine leere Kuriosität,
welche weder ein theoretisches noch ein praktisches Interesse zu befriedigen
vermag.
