c. Fürsichsein
§ 96
a)
Das Fürsichsein als Beziehung auf sich selbst ist Unmittelbarkeit,
und als Beziehung des Negativen auf sich selbst ist es Fürsichseiendes,
das Eins,—das in sich selbst Unterschiedslose, damit das
Andere aus sich Ausschließende.
Zusatz.
Das Fürsichsein ist die vollendete Qualität und enthält als solche
das Sein und das Dasein als seine ideellen Momente in sich. Als
Sein ist das Fürsichsein einfache Beziehung auf sich, und
als Dasein ist dasselbe bestimmt; diese Bestimmtheit ist
dann aber nicht mehr die endliche Bestimmtheit des Etwas in seinem
Unterschied vom Anderen, sondern die unendliche, den Unterschied in
sich als aufgehoben enthaltende Bestimmtheit.
Das nächste
Beispiel des Fürsichseins haben wir am Ich. Wir wissen
uns als daseiend zunächst unterschieden von anderem Daseienden und
auf dasselbe bezogen. Weiter wissen wir dann aber auch diese Breite
des Daseins als zugespitzt gleichsam zur einfachen Form des Fürsichseins.
Indem wir sagen: Ich, so ist dies der Ausdruck der unendlichen
und zugleich negativen Beziehung auf sich. Man kann sagen, daß der
Mensch sich vom Tier und somit von der Natur überhaupt dadurch unterscheidet,
daß er sich als Ich weiß, womit dann zugleich ausgesprochen ist, daß
die natürlichen Dinge es nicht zum freien Fürsichsein bringen, sondern
als auf das Dasein beschränkt immer nur Sein-für-Anderes sind. Weiter
ist nun das Fürsichsein überhaupt als Idealität aufzufassen,
wohingegen das Dasein früher als Realität bezeichnet wurde.
Realität und Idealität werden häufig als ein
Paar mit gleicher Selbständigkeit einander gegenüberstehende Bestimmungen
betrachtet, und man sage demgemäß, daß es außer der Realität auch
eine Idealität gebe. Nun aber ist die Idealität nicht etwas, das
es außer und neben der Realität gibt, sondern der Begriff der Idealität
besteht ausdrücklich darin, die Wahrheit der Realität zu
sein, d.h. die Realität als das gesetzt, was sie an sich ist, erweist
sich selbst als Idealität. Man darf somit nicht glauben, der Idealität
die nötige Ehre erwiesen zu haben, wenn man nur einräumt, daß es mit
der Realität noch nicht abgetan sei, sondern daß man außer derselben
auch noch eine Idealität anzuerkennen habe. Eine solche Idealität,
neben oder immerhin auch über der Realität, wäre in der Tat nur ein
leerer Name. Einen Inhalt aber hat die Idealität nur, indem dieselbe
Idealität von etwas ist: dieses Etwas aber ist dann nicht bloß ein
unbestimmtes Dieses oder Jenes, sondern das als Realität bestimmte
Dasein, welchem, für sich festgehalten, keine Wahrheit zukommt.
Man hat nicht mit Unrecht den Unterschied der Natur und des Geistes
so aufgefaßt, daß jene auf die Realität und dieser auf die Idealität
als ihre Grundbestimmung zurückzuführen seien. Nun aber ist die
Natur eben nicht ein Festes und Fertiges für sich, welches somit auch
ohne den Geist bestehen könnte, sondern dieselbe gelange erst im Geist
zu ihrem Ziel und ihrer Wahrheit, und ebenso ist der Geist an seinem
Teil nicht bloß ein abstraktes Jenseits der Natur, sondern derselbe
ist wahrhaft und bewährt nur erst als Geist, insofern er
die Natur als aufgehoben in sich enthält. Es ist hierbei an die
gedoppelte Bedeutung unseres deutschen Ausdrucks aufheben
zu erinnern. Unter aufheben verstehen wir einmal soviel als hinwegräumen,
negieren, und sagen demgemäß z.B., ein Gesetz, eine Einrichtung usw.
seien aufgehoben. Weiter heißt dann aber auch aufheben soviel als
aufbewahren, und wir sprechen in diesem Sinn davon, daß
etwas wohl aufgehoben sei. Dieser sprachgebräuchliche Doppelsinn,
wonach dasselbe Wort eine negative und eine positive Bedeutung hat,
darf nicht als zufällig angesehen noch etwa gar der Sprache zum Vorwurf
gemacht werden, als zu Verwirrung Veranlassung gebend, sondern es ist
darin der über das bloß verständige Entweder—Oder hinausschreitende
spekulative Geist unserer Sprache zu erkennen.
§ 97
b) Die Beziehung des Negativen
auf sich ist negative Beziehung, also Unterscheidung des
Eins von sich selbst, die Repulsion des Eins, d.i. Setzen
vieler Eins. Nach der Unmittelbarkeit da
Fürsichseienden sind diese Viele Seiende, und die Repulsion
der seienden Eins wird insofern ihre Repulsion gegeneinander
als Vorhandener oder gegenseitiges Ausschließen.
Zusatz.
Wenn vom Eins die Rede ist, so pflegen uns dabei zunächst die Vielen
einzufallen. Hier entsteht dann die Frage, wo die Vielen herkommen.
In der Vorstellung findet sich für diese Frage keine Antwort, da dieselbe
die Vielen als unmittelbar vorhanden betrachtet und das Eins eben nur
als Eines unter den Vielen gilt. Dem Begriffe nach bildet dagegen
das Eins die Voraussetzung der Vielen, und es liege in dem Gedanken
des Eins, sich selbst als das Viele zu setzen. Das für sich seiende
Eins als solches ist nämlich nicht ein Beziehungsloses wie das Sein,
sondern es ist Beziehung so gut wie das Dasein; nun aber bezieht es
sich nicht als Etwas auf ein Anderes, sondern als Einheit des Etwas
und des Anderen ist es Beziehung auf sich selbst, und zwar ist diese
Beziehung negative Beziehung. Hiermit erweist sich das Eins als
das schlechthin mit sich selbst Unverträgliche, als das sich von [sich]
selbst Abstoßende, und dasjenige, als was es sich setzt, ist das Viele.
Wir können diese Seite im Prozeß des Fürsichseins mit dem bildlichen
Ausdruck Repulsion bezeichnen. Von der Repulsion spricht
man zunächst bei Betrachtung der Materie und versteht darunter eben
dies, daß die Materie als ein Vieles in einem jeden dieser vielen Eins
sich als ausschließend gegen alle übrigen verhält. Man darf übrigens
den Prozeß der Repulsion nicht so auffassen, als sei Eins das Repellierende
und die Vielen das Repellierte; vielmehr ist das Eins, wie
vorher bemerkt wurde, eben nur dies, sich von sich selbst auszuschließen
und als das Viele zu setzen; ein jedes der Vielen aber ist selbst Eins,
und indem es sich als solches verhält, so schlägt hiermit diese allseitige
Repulsion um in ihr Entgegengesetztes—die Attraktion.
§ 98
g) Die Vielen sind
aber das eine was das andere ist, jedes ist Eins oder auch Eins der
Vielen; sie sind daher eins und dasselbe. Oder die Repulsion an
ihr selbst betrachtet, so ist sie als negatives Verhalten
der vielen Eins gegeneinander ebenso wesentlich ihre Beziehung
aufeinander; und da diejenigen, auf welche sich das Eins in seinem
Repellieren bezieht, Eins sind, so bezieht es sich in ihnen auf sich
selbst. Die Repulsion ist daher ebenso wesentlich Attraktion;
und das ausschließende Eins oder das Fürsichsein hebt sich auf.
Die qualitative Bestimmtheit, welche im Eins ihr An-und-für-sich-Bestimmtsein
erreicht hat, ist hiermit in die Bestimmtheit als aufgehobene
übergegangen, d.i. in das Sein als Quantität.
Die atomistische
Philosophie ist dieser Standpunkt, auf welchem sich das Absolute als
Fürsichsein, als Eins, und als viele Eins bestimmt. Als ihre Grundkraft
ist auch die am Begriffe des Eins sich zeigende Repulsion angenommen
worden; nicht aber so die Attraktion, sondern der Zufall,
d.i. das Gedankenlose, soll sie zusammenbringen. Indem das Eins
als Eins fixiert ist, so ist das Zusammenkommen desselben mit anderen
allerdings als etwas ganz Außerliches anzusehen. —Das Leere,
welches als das andere Prinzip zu dem Atomen angenommen wird, ist die
Repulsion selbst, vorgestellt als das seiende Nichts zwischen den Atomen.—Die
neuere Atomistik—und die Physik behält noch immer dies Prinzip bei—hat
insofern die Atome aufgegeben, als sie sich an kleine Teilchen, Moleküle,
hält; sie hat sich damit dem sinnlichen Vorstellen nähergebracht, aber
die denkende Bestimmung verlassen.—Indem ferner der Repulsivkraft
eine Attraktivkraft an die Seite gesetzt wird, so ist der Gegensatz
zwar vollständig gemacht, und man hat sich viel mit der
Entdeckung dieser sogenannten Naturkraft gewußt. Aber die Beziehung
beider aufeinander, was das Konkrete und Wahrhafte derselben ausmacht,
wäre aus der trüben Verwirrung zu reißen, in der sie auch noch in Kants
Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft gelassen
ist.—Noch wichtiger als im Physischen ist in neueren Zeiten die
atomistische Ansicht im Politischen geworden. Nach derselben
ist der Wille der Einzelnen als solcher das Prinzip des
Staates; das Attrahierende ist die Partikularität der Bedürfnisse,
Neigungen, und das Allgemeine, der Staat selbst, ist das äußerliche
Verhältnis des Vertrags.
Zusatz 1.
Die atomistische Philosophie bildet eine wesentliche Stufe in der geschichtlichen
Entwicklung der Idee, und das Prinzip dieser Philosophie ist überhaupt
das Fürsichsein in der Gestalt des Vielen. Wenn noch heutzutage
die Atomistik bei solchen Naturforschern, die von Metaphysik nichts
wissen wollen, in großer Gunst steht, so ist hier daran zu erinnern,
daß man der Metaphysik und näher der Zurückführung der Natur auf Gedanken
dadurch nicht entgeht, daß man sich der Atomistik in die Arme wirft,
da das Atom in der Tat selbst ein Gedanke und somit die Auffassung
der Materie als aus Atomen bestehend eine metaphysische Auffassung
ist. Newton hat zwar die Physik ausdrücklich gewarnt, sich vor der
Metaphysik zu hüten; zu seiner Ehre muß indes bemerkt werden, daß er
selbst sich dieser Warnung keineswegs gemäß verhalten hat. Reine,
pure Physiker sind in der Tat nur die Tiere, da diese nicht denken,
wohingegen der Mensch, als ein denkendes Wesen, ein geborener Metaphysiker
ist. Dabei kommt es dann nur darauf an, ob die Metaphysik, welche
man zur Anwendung bringt, von der rechten Art ist, und namentlich,
ob es nicht, anstatt der konkreten, logischen Idee, einseitige, vom
Verstand fixierte Gedankenbestimmungen sind, an welche man sich hält
und welche die Grundlage unseres theoretischen sowohl als unseres praktischen
Tuns bilden. Dieser Vorwurf ist es, welcher die atomistische Philosophie
trifft. Die alten Atomistiker betrachteten (wie dies noch heutzutage
häufig der Fall ist) alles als ein Vieles, und der Zufall sollte es
dann sein, welcher die im Leeren herumschwebenden Atome zusammenbringt.
Nun aber ist die Beziehung der Vielen aufeinander keineswegs eine bloß
zufällige, sondern diese Beziehung ist (wie vorher bemerkt wurde) in
ihnen selbst begründet. Kant ist es, welchem das Verdienst gebührt,
die Auffassung der Materie dadurch vervollständigt zu haben, daß er
dieselbe als die Einheit von Repulsion und Attraktion betrachtet.
Hierin liegt das Richtige, daß die Attraktion allerdings als das andere
im Begriff des Fürsichseins enthaltene Moment anzuerkennen ist und
daß somit die Attraktion ebenso wesentlich zur Materie gehört als die
Repulsion. Diese sogenannte dynamische Konstruktion der Materie
leidet dann aber an dem Mangel, daß die Repulsion und die Attraktion
ohne weiteres als vorhanden postuliert und nicht deduziert werden,
aus welcher Deduktion sich dann auch das Wie und Warum ihrer bloß behaupteten
Einheit ergeben haben würde. Wenn übrigens Kant ausdrücklich eingeschärft
hat, daß man die Materie nicht als für sich vorhanden und dann (gleichsam
beiläufig) mit den beiden hier erwähnten Kräften ausgestattet, sondern
dieselbe als lediglich in deren Einheit bestehend zu betrachten habe,
und die deutschen Physiker sich eine Zeitlang diese reine Dynamik haben
gefallen lassen, so hat es die Mehrzahl dieser Physiker in der neueren
Zeit wieder bequemer gefunden, auf den atomistischen Standpunkt zurückzukehren
und, gegen die Warnung ihres Kollegen, des seligen Kästner,21
die Materie als aus unendlich kleinen Dingerchen, Atome genannt, bestehend
zu betrachten, welche Atome dann durch das Spiel der an ihnen haftenden
Attraktiv-, Repulsiv- oder auch sonstigen beliebigen Kräfte miteinander
in Beziehung gesetzt werden sollen. Dies ist dann gleichfalls eine
Metaphysik, vor welcher, um ihrer Gedankenlosigkeit willen, sich zu
hüten allerdings hinlänglicher Grund vorhanden wäre.
Zusatz
2. Der im vorstehenden § angegebene Übergang der Qualität in
die Quantität findet sich nicht in unserem gewöhnlichen Bewußtsein.
Diesem gelten die Qualität und die Quantität als ein Paar selbständig
nebeneinander bestehende Bestimmungen, und es heißt demgemäß, die Dinge
seien nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ bestimmt.
Wo diese Bestimmungen herkommen und wie sich dieselben zueinander verhalten,
danach wird hier weiter nicht gefragt. Nun aber ist die Quantität
nichts anderes als die aufgehobene Qualität, und die hier betrachtete
Dialektik der Qualität ist es, wodurch diese Aufhebung zustande kommt.
Wir hatten zunächst das Sein, und als dessen Wahrheit ergab
sich das Werden; dieses bildete den Übergang zum Dasein, als dessen
Wahrheit wir die Veränderung erkannten. Die Veränderung aber zeigte
sich in ihrem Resultate als das der Beziehung auf Anderes und dem Übergang
in dasselbe entnommene Fürsichsein, welches Fürsichsein dann endlich
in den beiden Seiten seines Prozesses, der Repulsion und der Attraktion,
sich als das Aufheben seiner selbst und somit der Qualität überhaupt,
in der Totalität ihrer Momente, erwiesen hat. Diese aufgehobene
Qualität ist nun aber weder ein abstraktes Nichts noch das ebenso abstrakte
und bestimmungslose Sein, sondern nur das gegen die Bestimmtheit gleichgültige
Sein, und diese Gestalt des Seins ist es, welche auch in unserer gewöhnlichen
Vorstellung als Quantität vorkommt. Wir betrachten demgemäß
die Dinge zunächst unter dem Gesichtspunkt ihrer Qualität, und diese
gilt uns als die mit dem Sein des Dinges identische Bestimmtheit.
Schreiten wir dann weiter zur Betrachtung der Quantität, so gewährt
uns diese sofort die Vorstellung der gleichgültigen, äußerlichen Bestimmtheit,
dergestalt, daß ein Ding, obschon seine Quantität sich ändert und es
größer oder kleiner wird, dennoch bleibt, was es ist.
