2.
Der moderne Standpunkt ändert dabei einerseits nichts an der von Cartesius
eingeleiteten Methode des gewöhnlichen wissenschaftlichen Erkennens
und führt die daraus entsprungenen Wissenschaften des Empirischen und
Endlichen ganz auf dieselbe Weise fort,—andererseits aber verwirft
dieser Standpunkt diese Methode und damit, weil er keine andere kennt,
alle Methoden für das Wissen von dem, was seinem Gehalte
nach unendlich ist; er überläßt sich darum der wilden Willkür der Einbildungen
und Versicherungen, einem Moralitäts-Eigendünkel und Hochmut des Empfindens
oder einem maßlosen Gutdünken und Räsonnement, welches sich am stärksten
gegen Philosophie und Philosopheme erklärt. Die Philosophie gestattet
nämlich nicht ein bloßes Versichern, noch Einbilden, noch beliebiges
Hin- und Herdenken des Räsonnements.
§ 78
Der
Gegensatz von einer selbständigen Unmittelbarkeit des Inhalts
oder Wissens und einer dagegen ebenso selbständigen Vermittlung, die
mit jener unvereinbar sei, ist zunächst deswegen beiseite zu setzen,
weil er eine bloße Voraussetzung und beliebige Versicherung
ist. Ebenso sind alle anderen Voraussetzungen oder Vorurteile bei
dem Eintritt in die Wissenschaft aufzugeben, sie mögen aus der Vorstellung
oder dem Denken genommen sein; denn es ist die Wissenschaft, in welcher
alle dergleichen Bestimmungen erst untersucht und, was an ihnen und
ihren Gegensätzen sei, erkannt werden soll.
Der Skeptizismus,
als eine durch alle Formen des Erkennens durchgeführte, negative Wissenschaft,
würde sich als eine Einleitung darbieten, worin die Nichtigkeit solcher
Voraussetzungen dargetan würde. Aber er würde nicht nur ein unerfreulicher,
sondern auch darum ein überflüssiger Weg sein, weil das Dialektische
selbst ein wesentliches Moment der affirmativen Wissenschaft ist, wie
sogleich bemerkt werden wird. Übrigens hätte er die endlichen Formen
auch nur empirisch und unwissenschaftlich zu finden und als gegeben
aufzunehmen. Die Forderung eines solchen vollbrachten Skeptizismus
ist dieselbe mit der, daß der Wissenschaft das Zweifeln an allem,
d.i. die gänzliche Voraussetzungslosigkeit an allem vorangehen
solle. Sie ist eigentlich in dem Entschluß, rein denken zu wollen,
durch die Freiheit vollbracht, welche von allem abstrahiert und ihre
reine Abstraktion, die Einfachheit des Denkens, erfaßt.
*Friedrich Heinrich Jacobi, Über die Lehre
des Spinoza in Briefen an den Hern Moses Mendelssohn
(1785), neue verm. Ausgabe, 1789. GERÝ
*Joseph J. Lalande,
1732-1807, fransözischer Astronom. GERÝ
*Heinrich Gustav
Hotho, de philosophia Cartesiana, Berlin 1826. GERÝ
*Lettres de Mr. Descartes, ed. Clerseller, 3 Bde., Paris
1657 ff. Vgl. Brief Nr. CDXL, Oeuvres IV. GERÝ
*Um in der Erfahrung den Atheismus und den Glauben an Gott mehr oder weniger
ausgebreitet zu finden, kommt es darauf an, ob man mit der Bestimmung
von einem Gott überhaupt zufrieden ist oder ob eine beseimmtere
Erkenntnis desselben gefordert wird. Von den chinesischen und indischen
usf, Götzen wenigstens, ebensowenig von den afrikanischen Fetischen,
auch von den griechischen Göttern selbst wird in der christlichen Welt
nicht zugegeben werden, daß solche Götzen Gott sind; wer an solche
glaubt, glaubt daher nicht an Gott. Wird dagegen die Betrachtung gemacht,
daß in solchem Glauben an Götzen doch an an sich der Glaube
an Gott überhaupt, wie im besonderen Individuum die Gattung,
liege, so gilt der Götzendienst auch für einen Glauben, nicht nur an
einen Götzen, sondern an Gott. Umgekehrt haben die Athenienser die
Dichter und Philosophen, welche den Zeus usf. nur für Wolken usf. hielten
und etwa nur einen Gott überhaupt behaupteten, als Atheisten
behandelt.—Es kommt nicht darauf an, was an sich in einem
Gegenstande enthalten sei, sondern was davon für das
Bewußtsein heraus
ist. Jede, die gemeinste sinnliche Anschauung des Menschen wäre, wenn
man die Verwechslung dieser Bestimmungen gelten läßt, Religion, weil
allerdings an sich in jeder solchen Anschauung, in jedem
Geistigen, das Prinzip enthalten ist, welches entwickelt und
gereinigt sich zur Religion steigert. Ein anderes aber ist, der Religion
fähig zu sein (und jenes Ansich drückt die Fähigkeit
und Möglichkeit aus), ein anderes, Religion zu haben.—So
haben in neueren Zeiten wieder Reisende (z.B. die Kapitäne Ross
und Parry) Völkerschaften (Eskimos) gefunden, denen sie
alle Religion absprachen, sogar so etwas von Religion, was man noch
in afrikanischen Zauberern (den Goëten Herodots)
finden möchte. Nach einer ganz andern Seite hin sagt ein Engländer,
der die ersten Monate des letzeverflossenen Jubeljahres in Rom zubrachte,
in seiner Reisebeschreibung von den heutigen Römern, daß
das gemeine Volk bigott, daß aber die, die lesen und schreiben können,
sämtlich Atheisten seien.—Der Vorwurf des Atheismus ist übrigens in
neueren Zeiten wohl vornehmlich darum seltener geworden, weil der Gehalt
und die Forderung über Religion sich auf ein Minimum reduziert hat
(s. § 73) GERÝ
*Cartesius, Principia
philosophiae I, 15: 'Magis hoc (ens summe perfectum existere)
credet, si attendat, nullius alterius rei ideam apud se
inveniri, in qua eodem modo necessariam existentiam contineri animadvertat;
intelliget, illam ideam exhibere veram et immutabilem naturam, quaeque
non potes non existere, cum necessaria existentia in
ea contineatur.' [Er wird um so mehr davon überzeugt sein (daß
ein höchst vollkommenes Wesen existiert), wenn er beachtet, daß in
keiner anderen von seinen Ideen dieses notwendige Dasein in derselben
Weise enthalten ist; denn er wird daraus ersehen, daß diese Idee nur
eine wahre und unveränderliche Natur darstellt, welche existieren muß,
da das notwendige Dasein in ihr enthalten ist.'—Übers. A. Buchenau.]
Eine darauf folgende Wendung, die wie eine Vermittlung und Beweis lautet,
tut dieser ersten Grundlage keinen Eintrag.—Bei Spinoza ist es ganz
dasselbe, daß Gott Wesen, d.i. die abstrakte Vorstellung,
die Existenz in sich schließe. Die erste Definition Spinozas ist die
von causa sui, daß sie ein solches sei, 'cujus essentia
involvit existentiam; sive id, cujus natura non potest concipi,
nisi existens' ['dessen Wesenheit die Existenz in sich schließt, oder
das, dessen Natur nur als existierend begriffen werden kann,' Ethik
I, Def. 1.—Übers. C. Gebhardt];—die Untrennbarkeit des Begriffs vom
Sein ist die Grundbestimmmung und Voraussetzung. Aber welcher Begriff
ist es, dem diese Untrennbarkeit vom Sein zukommt? Nicht der von endlichen
Dingen, denn diese sind eben solche, deren Existenz eine zufällige
und erschaffene ist.—Daß bei Spinoza die 11. Proposition: daß Gott
notwendig existiere, mit einem Beweise folgt, ebenso die 20.: daß Gottes
Existenz und sein Wesen ein und dasselbe sind,—ist ein überflüssiger
Formalismus des Beweisens. Gott ist die (und zwar einzige) Substanz;
die Substanz aber ist causa sui, also existiert Gott notwendig—heißt
nichts anderes, als daß Gott dies ist, dessen Begriff und Sein unzertrennlich
ist. GERÝ
*Anselmus
sagt dagegen: 'Negligentiae mihi videtur, si postquam confirmati
sumus in fide, non studemus, quod credimus, intelligere'
(Tractat. Cur Deus homo [I, 1—'so scheint es mir Nachlässigkeit,
wenn wir, nachdem wir im Glauben gefestigt sind, uns nicht zu verstehen
bemühen, was wir glauben.'—Übers. F. S. Schmitt]).—Anselm hat dabei
an dem konkreten Inhalte der christlichen Lehre eine ganz andere schwere
Aufgabe für das Erkennen als das, was jener moderne Glaube enthält.
GERÝ
