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Zweite Stellung des Gedankens zur Objektivität
I. EMPIRISMUS
§ 37
Das Bedürfnis teils eines konkreten Inhalts gegen die abstrakten
Theorien des Verstandes, der nicht für sich selbst aus seinen Allgemeinheiten
zur Besonderung und Bestimmung fortgehen kann, teils eines festen Halts
gegen die Möglichkeit, auf dem Felde und nach der Methode der endlichen
Bestimmungen alles beweisen können, führte zunächst
auf den Empirismus, welcher, statt in dem Gedanken selbst das Wahre
zu suchen, dasselbe aus der Erfahrung, der äußeren und
inneren Gegenwart, zu holen geht.
Zusatz. Der Empirismus verdankt seinen Ursprung
dem im vorstehenden § angegebenen Bedürfnis eines konkretes
Inhalts und eines festen Halts, welchem Bedürfnis die abstrakte
Verstandesmetaphysik nicht zu genügen vermag. Was hierbei das Konkrete
des Inhalts anbetrifft, so ist es überhaupt darum zu tun, daß
die Gegenstände des Bewußtseins als in sich bestimmt und als
Einheit unterschiedener Bestimmungen gewußt werden. Nun aber ist,
wie wir gesehen haben, dies bei der Verstandesmetaphysik, nach dem Prinzip
des Verstandes, keineswegs der Fall. Das bloß verständige Denken
ist auf die Form des abstrakt Allgemeinen beschränkt und vermag nicht
zur Besonderung dieses Allgemeinen fortzuschreiten. So begab sich z.B.
die alte Metaphysik daran, durch das Denken auszumitteln, was das Wesen
oder die Grundbestimmung der Seele sei, und es hieß dann, die Seele
sei einfach. Diese der Seele zugeschriebene Einfacheit hat hier
die Bedeutung der abstrakten Einfacheit mit Ausschließung des Unterschiedes,
welcher, als Zusammengesetztheit, als die Grundbestimmung des Leibes und
dann weiter der Materie überhaupt betrachtet wurde. Nun aber ist die
abstrakte Einfachheit eine sehr dürftige Bestimmung, wodurch der Reichtum
der Seele und dann weiter des Geistes keineswegs zu erfassen ist. Indem
so das abstrakt metaphysische Denken sich als unzureichend erwies, sah
man sich genötigt, zur empirischen Psychologie seine Zuflucht zu nehmen.
Ebenso verhält es sich mit der rationellen Physik. Wenn hier z.B.
gesagt wurde, daß der Raum unendlich sei, daß die Natur keinen
Sprung tue usw., so ist dies durchaus unbefriedigend der Fülle und
dem Leben der Natur gegenüber.
§ 38
Der Empirismus hat diese Quelle einerseits mit der Metaphysik selbst
gemein, als welche für die Beglaubigung ihrer Definitionen—der Voraussetzungen
sowie des bestimmteren Inhalts—ebenfalls die Vorstellungen, d.h. den zunächst
von der Erfahrung herrührenden Inhalt zur Gewähr hat. Andernteils
ist die einzelne Wahrnehmung von der Erfahrung unterschieden, und der Empirismus
erhebt den der Wahrnehmung, dem Gefühl und der Anschauung angehörigen
Inhalt in die
Form allgemeiner Vorstellungen, Sätze und Gesetze
usf. Dies geschieht jedoch nur in dem Sinne, daß diese allgemeinen
Bestimmungen (z.B. Kraft) keine weitere Bedeutung und Gültigkeit für
sich haben sollen als die aus der Wahrnehmung genommene, und kein als in
der Erscheinung nachzuweisender Zusammenhang Berechtigung haben soll. Den
festen Halt nach der subjektiven Seite hat das empirische Erkennen
darin, daß das Bewußtsein in der Wahrnehmung seine eigene
unmittelbare Gegenwart und Gewißheit hat.
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Es liegt im Empirismus dies große Prinzip, daß, was wahr ist,
in der Wirklichkeit sein und für die Wahrnehmung da sein muß.
Dies Prinzip ist dem Sollen entgegengesetzt, womit die Reflexion
sich aufbläht und gegen die Wirklichkeit und Gegenwart mit einem Jenseits
verächtlich tut, welches nur in dem subjektiven Verstande seinen Sitz
und Dasein haben soll. Wie der Empirismus, erkennt (§ 7) auch die
Philosophie nur das, was ist; sie weiß nicht solches, was
nur sein soll und somit nicht da ist.—Nach der subjektiven
Seite ist ebenso das wichtige Prinzip der Freiheit
anzuerkennen,
welches im Empirismus liegt, daß nämlich der Mensch, was er
in seinem Wissen gelten lassen soll, selbst sehen, sich selbst
darin präsent wissen soll.—Die
konsequente Durchführung
des Empirismus, insofern er dem Inhalte nach sich auf Endliches beschränkt,
leugnet aber das Übersinnliche überhaupt oder wenigstens die
Erkenntnis und Bestimmtheit desselben und läßt dem Denken nur
die Abstraktion und formelle Allgemeinheit und Identität zu.—Die Grundtäuschung
im wissenschaftlichen Empirismus ist immer diese, daß er die metaphysischen
Kategorien von Materie, Kraft, ohnehin von Einem, Vielem, Allgemeinheit,
auch Unendlichem usf. gebraucht, ferner am Faden solcher Kategorien weiter
fortschließt, dabei die Formen des Schließens voraussetzt
und anwendet und bei allem nicht weiß, daß er so selbst Metaphysik
enthält und treibt und jene Kategorien und deren Verbindungen auf
eine völlig unkritische und bewußtlose Weise gebraucht.
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Zusatz. Vom Empirismus erging der Zuruf: Laßt
das Herumtreiben in leeren Abstraktionen, schaut auf eure Hände, erfaßt
das Hier des Menschen und der Natur, genießt die Gegenwart,—und
es ist nicht zu verkennen, daß hierin ein wesentlich berechtigtes
Moment enthalten ist. Das Hier, die Gegenwart, das Diesseits sollte
mit der leeren Jenseitigkeit, mit den Spinnengeweben und Nebelgestalten
des abstrakten Verstandes vertauscht werden. Hiermit wird dann auch der
in der alten Metaphysik vermißte feste Halt, d.h. die unendliche
Bestimmung gewonnen. Der Verstand klaubt nur endliche Bestimmungen heraus;
diese sind an sich haltlos und wankend, und das auf denselben errichtete
Gebäude stürzt in sich zusammen. Eine unendliche Bestimmung zu
finden, war überhaupt der Trieb der Vernunft; es war aber noch nicht
an der Zeit, dieselbe im Denken zu finden. So faßte denn dieser Trieb
die Gegenwart auf, das Hier, das Dieses, welches die unendliche Form an
sich hat, wenn auch nicht in der wahrhaften Existenz dieser Form. Das Äußerliche
ist an sich das Wahre, denn das Wahre ist wirklich und muß
existieren. Die unendliche Bestimmtheit also, die die Vernunft sucht, ist
in der Welt, wenngleich in sinnlich einzelner Gestalt, nicht in ihrer Wahrheit.
—Näher ist nun die Wahrnehmung die Form, worin begriffen werden
sollte, und dies ist der Mangel des Empirismus. Die Wahrnehmung als solche
ist immer ein Einzelnes und Vorübergehendes; dabei bleibt jedoch das
Erkennen nicht stehen, sondern dasselbe sucht in dem wahrgenommenen Einzelnen
das Allgemeine und Bleibende auf, und dies ist der Fortgang von der bloßen
Wahrnehmung zur Erfahrung.—Um Erfahrungen zu machen, bedient sich der Empirismus
vornehmlich der Form der Analyse. In der Wahrnehmung hat man ein
mannigfach Konkretes, dessen Bestimmungen auseinandergelegt werden sollen
wie eine Zwiebel, deren Häute man ablöst. Diese Zergliederung
hat also den Sinn, daß man die zusammengewachsenen Bestimmungen auflöst,
zerlegt und nichts hinzutut als die subjektive Tätigkeit des Zerlegens.
Die Analyse ist jedoch der Fortgang von der Unmittelbarkeit der Wahrnehmung
zum Gedanken, insofern die Bestimmungen, welche der analysierte Gegenstand
in sich vereinigt enthält, dadurch, daß sie getrennt werden,
die Form der Allgemeinheit erhalten. Der Empirismus, indem er die Gegenstände
analysiert, befindet sich im Irrtum, wenn er meint, er lasse dieselben,
wie sie sind, da er doch in der Tat das Konkrete in ein Abstraktes verwandelt.
Hierdurch geschieht es zugleich, daß das Lebendige getötet wird,
denn lebendig ist nur das Konkrete, Eine. Gleichwohl muß jene Scheidung
geschehen, um zu begreifen, und der Geist selbst ist die Scheidung in sich.
Dies ist jedoch nur die eine Seite, und die Hauptsache besteht in
der Vereinigung des Geschiedenen. Indem die Analyse auf dem Standpunkt
der Scheidung stehenbleibt, so gilt von derselben jenes Wort des Dichters:
Encheiresin naturae nennts die Chemie,
Spottet ihrer selbst und weiß nicht wie,
Hat die Teile in ihrer Hand,
Fehlt leider nur das geistige Band.*
Die Analyse geht vom Konkreten aus und hat in diesem Material
viel vor dem abstrakten Denken der alten Metaphysik voraus. Dieselbe setzt
die Unterschiede fest, und dies ist von großer Wichtigkeit; diese
Unterschiede sind dann aber selbst nur wieder abstrakte Bestimmungen, d.h.
Gedanken. Indem nun diese Gedanken als dasjenige gelten, was die
Gegenstände an sich sind, so ist dies wieder die Voraussetzung der
alten Metaphysik, daß nämlich im Denken das Wahrhafte der Dinge
liege.
Vergleichen wir jetzt weiter den Standpunkt
des Empirismus mit dem der alten Metaphysik rücksichtlich des Inhalts,
so hatte, wie wir früher gesehen haben, die letztere zu ihrem Inhalt
jene allgemeinen Vernunftgegenstände, Gott, die Seele und die Welt
überhaupt; dieser Inhalt war aus der Vorstellung aufgenommen, und
das Geschäft der Philosophie bestand darin, denselben auf die Form
der Gedanken zurückzuführen. In ähnlicher Weise verhielt
es sich mit der scholastischen Philosophie; für diese bildeten die
Dogmen der christlichen Kirche den vorausgesetzten Inhalt, um dessen nähere
Bestimmung und Systematisierung durch das Denken es zu tun war.—Von ganz
anderer Art ist der vorausgesetzte Inhalt des Empirismus. Dies ist der
sinnliche Inhalt der Natur und der Inhalt des endlichen Geistes. Hier hat
man also endlichen Stoff vor sich, und in der alten Metaphysik den unendlichen.
Dieser unendliche Inhalt wurde dann durch die endliche Form des Verstandes
verendlicht. Beim Empirismus haben wir dieselbe Endlichkeit der Form, und
außerdem ist auch noch der Inhalt endlich. Die Methode ist übrigens
insofern bei beiden Weisen des Philosophierens dieselbe, als bei beiden
von Voraussetzungen als etwas Festem ausgegangen wird. Für den Empirismus
ist überhaupt das außerliche das Wahre, und wenn dann auch ein
Übersinnliches zugegeben wird, so soll doch eine Erkenntnis desselben
nicht stattfinden können, sondern man sich lediglich an das der Wahrnehmung
Angehörige zu halten haben. Dieser Grundsatz aber in seiner Durchführung
hat dasjenige gegeben, was man später als Materialismus bezeichnet
hat. Diesem Materialismus gilt die Materie als solche als das wahrhaft
Objektive. Materie aber ist selbst schon ein Abstraktum, welches als solches
nicht wahrzunehmen ist. Man kann deshalb sagen, es gibt keine Materie;
denn wie sie existiert, ist sie immer ein Bestimmtes, Konkretes. Gleichwohl
soll das Abstraktum der Materie die Grundlage für alles Sinnliche
sein,—das Sinnliche überhaupt, die absolute Vereinzelung in sich und
daher das Außereinanderseiende. Indem nun dies Sinnliche für
den Empirismus ein Gegebenes ist und bleibt, so ist dies eine Lehre der
Unfreiheit, denn die Freiheit besteht gerade darin, daß ich kein
absolut Anderes gegen mich habe, sondern abhänge von einem Inhalt,
der ich selbst bin. Weiter sind auf diesem Standpunkt Vernunft und Unvernunft
nur subjektiv, d.h. wir haben uns das Gegebene gefallen zu lassen, so wie
es ist, und wir haben kein Recht danach zu fragen, ob und inwiefern dasselbe
in sich vernünftig ist.
§ 39
Über dies Prinzip ist zunächst die richtige Reflexion
gemacht worden, daß in dem, was Erfahrung genannt wird und
von bloßer einzelner Wahrnehmung einzelner Tatsachen zu unterscheiden
ist, sich zwei Elemente finden,—das eine der für sich vereinzelte,
unendlich
mannigfaltige Stoff, das andere die Form, die Bestimmungen
der Allgemeinheit und Notwendigkeit. Die Empirie zeigt wohl
viele, etwa unzählbar viele gleiche Wahrnehmungen auf; aber etwas
ganz anderes ist noch die Allgemeinheit als die große Menge.
Ebenso gewährt die Empirie wohl Wahrnehmungen von aufeinanderfolgenden
Veränderungen oder von nebeneinanderliegenden Gegenständen,
aber nicht einen Zusammenhang der Notwendigkeit. Indem nun die Wahrnehmung
die Grundlage dessen, was für Wahrheit gelte, bleiben soll, so erscheint
die Allgemeinheit und Notwendigkeit als etwas Unberechtigtes, als
eine subjektive Zufälligkeit, eine bloße Gewohnheit, deren Inhalt
so oder anders beschaffen sein kann.
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Eine wichtige Konsequenz hiervon ist, daß in dieser
empirischen Weise die rechtlichen und sittlichen Bestimmungen und Gesetze
sowie der Inhalt der Religion als etwas Zufälliges erscheinen und
deren Objektivität und innere Wahrheit aufgegeben ist.
Der Humesche Skeptizismus,
von dem die obige Reflexion vornehmlich ausgeht, ist übrigens vom
Griechischen Skeptizismus sehr wohl zu unterscheiden. Der Humesche
legt die Wahrheit des Empirischen, des Gefühls, der Anschauung
zum Grunde und bestreitet die allgemeinen Bestimmungen und Gesetze von
da aus, aus dem Grunde, weil sie nicht eine Berechtigung durch die sinnliche
Wahrnehmung haben. Der alte Skeptizismus war so weit entfernt, das Gefühl,
die Anschauung zum Prinzip der Wahrheit zu machen, daß er sich vielmehr
zuallererst gegen das Sinnliche kehrte. (Über den modernen Skeptizismus
in seiner Vergleichung mit dem alten, s. Schellings und Hegels Kritisches
Journal der Philosophie, 1802, I. Bd., 2. St.*
*Faust, I. Teil, Studierzimmer,
V. 1940-1941 u. 1038-1939. GERI
*Hegel, "Verhältnis des Skeptizismus
zur Philosophie, Darstellung seiner verschiedenen Modifikationen und Vergleichung
des neuesten mit dem alten." GERI
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