Einleitung
§ 1
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Die Philosophie entbehrt des Vorteils, der den anderen Wissenschaften zugute
kommt, ihre Gegenstände als unmittelbar von der Vorstellung
zugegeben sowie die Methode des Erkennens für Anfang und Fortgang
als bereits angenommen voraussetzen zu können. Sie hat zwar
ihre Gegenstände zunächst mit der Religion gemeinschaftlich.
Beide haben die Wahrheit zu ihrem Gegenstande, und zwar im höchsten
Sinne—in dem, daß Gott die Wahrheit und er allein die
Wahrheit ist. Beide handeln dann ferner von dem Gebiete des Endlichen,
von der Natur und dem menschlichen Geiste, deren Beziehung
aufeinander und auf Gott als auf ihre Wahrheit. Die Philosophie kann daher
wohl eine Bekanntschaft mit ihren Gegenständen, ja sie muß
eine solche, wis Be ohnehin ein Interesse an denselben voraussetzen,—schon
darum, weil daewußtsein sich der Zeit nach Vorstellungen von
Gegenständen früher als Begriffe von denselben macht, der denkende
Geist sogar nur durchs Vorstellen hindurch und auf dasselbe
sich wendend zum denkenden Erkennen und Begreifen fortgeht.
Aber sbei dem denkenden Betrachten gibt's sich bald
kund, daß dasselbe die Forderung in sich schließt, die Notwendigkeit
seines Inhalts zu zeigen, sowohl das Sein schon als die Bestimmungen seiner
Gegenstände zu beweisen. Jene Bekanntschaft mit diesen erscheint
so als unzureichend, und Voraussetzungen und Versicherungen
zu
machen oder gelten zu lassen als unzulässig. Die Schwierigkeit, einen
Anfang
zu machen, tritt aber zugleich damit ein, da ein Anfang als ein Unmittelbares
seine
Voraussetzung macht oder vielmehr selbst eine solche ist.
§ 2
Die Philosophie kann zunächst im allgemeinen als denkende Betrachtung
der
Gegenstände bestimmt werden. Wenn es aber richtig ist (und es wird
wohl richtig sein), daß der Mensch durchs Denken sich vom
Tiere
unterscheidet,
so ist alles Menschliche dadurch und allein dadurch menschlich, daß
es durch das Denken bewirkt wird. Indem jedoch die Philosophie eine eigentümliche
Weise des Denkens ist, eine Weise, wodurch es Erkennen und begreifendes
Erkennen wird, so wird ihr Denken auch eine Verschiedenheit haben
von dem in allem Menschlichen tätigen, ja die Menschlichkeit des Menschlichen
bewirkenden Denken, so sehr es identisch mit demselben, an sich
nur
ein
Denken ist. Dieser Unterschied knüpft sich daran, daß der
durchs Denken begründete, menschliche Gehalt des Bewußtseins
zunächst nicht in Form des Gedankens erscheint, sondern als
Gefühl, Anschauung, Vorstellung, —Formen, die von dem Denken
als
Form zu unterscheiden sind.
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Es ist ein altes Vorurteil, ein trivial gewordener Satz, daß der
Mensch vom Tiere sich durchs Denken unterscheide; es kann trivial, aber
es müßte auch sonderbar scheinen, wenn es Bedürfnis wäre,
an solchen alten Glauben zu erinnern. Für ein Bedürfnis aber
kann dies gehalten werden bei dem Vorurteil jetziger Zeit, welche Gefühl
und Denken
so voneinander trennt, daß sie sich entgegengesetzt,
selbst so feindselig sein sollen, daß das Gefühl, insbesondere
das religiöse, durch das Denken verunreinigt, verkehrt, ja etwa gar
vernichtet werde und die Religion und Religiosität wesentlich nicht
im Denken ihre Wurzel und Stelle habe. Bei solcher Trennung wird vergessen,
daß nur der Mensch der Religion fähig ist, das Tier aber keine
Religion hat, so wenig als ihm Recht und Moralität zukommt.
Wenn jene Trennung der Religion vom Denken behauptet
wird, so pflegt das Denken vorzuschweben, welches als Nachdenken bezeichnet
werden kann, —das reflektierende
Denken, welches Gedanken als
solche zu seinem Inhalte
hat und zum Bewußtsein bringt. Die
Nachlässigkeit, den in Rücksicht des Denkens von der Philosophie
bestimmt angegebenen Unterschied zu kennen und zu beachten, ist es, welche
die rohesten Vorstellungen und Vorwürfe gegen die Philosophie hervorbringt.
In dem nur dem Menschen Religion, Recht und Sittlichkeit zukommt, und zwar
nur deswegen, weil er denkendes Wesen ist, so ist in dem Religiösen,
Rechtlichen und Sittlichen—es sei Gefühl und Glauben oder Vorstellung—das
Denken
überhaupt
nicht untätig gewesen; die Tätigkeit und die Produktionen desselben
sind darin gegenwärtig und enthalten. Allein es ist
verschieden, solche vom Denken bestimmte und
durchdrungene
Gefühle
und Vorstellungen—und Gedanken darüber zu haben. Die durchs
Nachdenken
erzeugten
Gedanken über jene Weisen des Bewußtseins sind das, worunter
Reflexion, Räsonnement und dergleichen, dann auch die Philosophie
begriffen ist.
Es ist dabei geschehen, und noch öfters hat
der Mißverstand obgewaltet, daß solches Nachdenken als
die Bedingung, ja als der einzige Weg behauptet worden, auf welchem wir
zur Vorstellung und zum Fürwahrhalten des Ewigen und Wahren gelangten.
So sind z. B. die (jetzt mehr vormaligen) metaphysischen Beweise
vom Dasein Gottes dafür ausgegeben worden, daß oder als
ob durch ihre Kenntnis und die Überzeugung von ihnen der Glaube und
die Überzeugung vom Dasein Gottes wesentlich und allein bewirkt werden
könne. Dergleichen Behauptung käme mit der überein, daß
wir nicht eher essen könnten, als bis wir uns die Kenntnis der chemischen,
botansichen oder zoologischen Bestimmungen der Nahrungsmittel erworben,
und wir mit der Verdauung warten müßten, bis wir das Studium
der Anatomie und Physiologie absolviert hätten. Wenn dem so wäre,
würden diese Wissenschaften in ihrem Felde, wie die Philosophie in
dem ihrigen, freilich sehr an Nützlichkeit gewinnen, ja ihre Nützlichkeit
wäre zur absoluten und allgemeinen Unentbehrlichkeit gesteigert; vielmehr
aber würden sie alle, statt unentbehrlich zu sein, gar nicht existieren.
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§ 3
Der Inhalt, der unser Bewußtsein erfüllt, von welcher
Art er sei, macht die Bestimmtheit der Gefühle, Anschauungen,
Bilder, Vorstellungen, der Zwecke, Pflichten usf. und der Gedanken und
Begriffe aus. Gefühl, Anschauung, Bild usf. sind insofern die Formen
solchen Inhalts, welcher ein und derselbe bleibt, ob er gefühlt,
angeschaut, vorgestellt, gewollt und ob er nur gefühlt oder
aber mit Vermischung von Gedanken gefühlt, angeschaut usf. oder ganz
unvermischt
gedacht wird. In irgendeiner dieser Formen oder in der Vermischung mehrerer
ist der Inhalt Gegenstand des Bewußtseins. In dieser Gegenständlichkeit
schlagen
sich aber auch die Bestimmtheiten dieser Formen zum Inhalte;
so daß nach jeder dieser Formen ein besonderer Gegenstand zu entstehen
scheint und, was an sich dasselbe ist, als ein verschiedener Inhalt aussehen
kann.
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Indem die Bestimmtheiten des Gefühls, der Anschauung, des Begehrens,
des Willens usf., insofern von ihnen gewußt wird, überhaupt
Vorstellungen
genannt
werden, so kann im allgemeinen gesagt werden, daß die Philosophie
Gedanken,
Kategorien, aber näher
Begriffe an die Stelle der Vorstellungen
setzt. Vorstellungen überhaupt können als Metaphern
der
Gedanken und Begriffe angesehen werden. Damit aber, daß man Vorstellungen
hat, kennt man noch nicht deren Bedeutung für das Denken, noch nicht
deren Gedanken und Begriffe. Umgekehrt ist es auch zweierlei, Gedanken
und Begriffe zu haben, und zu wissen, welches die ihnen entsprechenden
Vorstellungen, Anschauungen, Gefühle sind. —Eine Seite dessen, was
man die Unverständlichkeit der Philosophie nennt, bezieht sich
hierauf. Die Schwierigkeit liegt einesteils in einer Unfähigkeit,
die an sich nur Ungewohntheit ist, abstrakt zu denken, d.h. reine
Gedanken festzuhalten und in ihnen sich zu bewegen. In unserem gewöhnlichen
Bewußtsein sind die Gedanken mit sinnlichem und geistigem geläufigen
Stoffe angetan und vereinigt, und im Nachdenken, Reflektieren und Räsonieren
vermischen
wir
die Gefühle, Anschauungen, Vorstellung mit Gedanken (in jedem Satze
von ganz sinnlichem Inhalte: 'dies Blatt ist grün,' sind schon
Kategorien, Sein, Einzelheit eingemischt). Ein anderes aber ist,
die Gedanken selbst unvermischt zum Gegenstande zu machen.—Der andere Teil
der Unverständlichkeit ist die Ungeduld, das in der Weise der Vorstellung
vor sich haben zu wollen, was als Gedanke und Begriff im Bewußtsein
ist. Es kommt der Ausdruck vor, man wisse nicht, was man sich bei einem
Begriffe, der gefaßt worden,
denken solle; bei einem Begriffe
ist weiter nichts zu denken als der Begriff selbst. Der Sinn jenes Ausdrucks
aber ist eine Sehnsucht nach einer bereits bekannten, geläufigen
Vorstellung; es ist dem Bewußtsein, als ob ihm mit der Weise
der Vorstellung der Boden entzogen wäre, auf welchem es sonst seinen
festen und heimischen Stand hat. Wenn es sich in die reine Region der Begriffe
versetzt findet, weiß es nicht, wo es in der Welt ist.—Am
verständlichsten
werden
daher Schriftsteller, Prediger, Redner usf. gefunden, die ihren Lesern
oder Zuhörern Dinge vorsagen, welche diese bereits auswendig wissen,
die ihnen geläufig sind und die sich
von selbst verstehen.
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§ 4
In Beziehung auf unser gemeines Bewußtsein zunächst hätte
die Philosophie das Bedürfnis ihrer eigentümlichen Erkenntnisweise
darzutun oder gar zu erwecken. In Beziehung auf die Gegenstände der
Religion aber, auf die Wahrheit überhaupt, hätte sie die
Fähigkeit
zu erweisen, dieselben von sich aus zu erkennen; in Beziehung auf eine
zum Vorschein kommende Verschiedenheit von den religiösen
Vorstellungen hätte sie ihre abweichenden Bestimmungen zu rechtfertigen.
§ 5
Zum Behufe einer vorläufigen Verständigung über den angegebenen
Unterschied und über die damit zusammenhängende Einsicht, daß
der wahrhafte
Inhalt unseres Bewußtseins in dem Übersetzen
desselben in die Form des Gedankens und Begriffs erhalten, ja erst
in sein eigentümliches Licht gesetzt wird, kann an ein anderes altes
Vorurteil erinnert werden, daß nämlich, um zu erfahren,
was an den Gegenständen und Begebenheiten, auch Gefühlen, Anschauungen,
Meinungen, Vorstellungen usf. Wahres sei, Nachdenken
erforderlich
sei. Nachdenken aber tut wenigstens dies auf allen Fall, die Gefühle,
Vorstellungen usf. in Gedanken zu verwandeln.
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Insofern es nur das Denken ist, was die Philosophie zur eigentümlichen
Form
ihres
Geschäftes in Anspruch nimmt, jeder Mensch aber von Natur denken kann,
so tritt vermöge dieser Abstraktion, welche den § 3 angebenen
Unterschied wegläßt, das Gegenteil von dem ein, was vorhin als
Beschwernis über die Unverständlichkeit der Philosophie
erwähnt worden ist. Diese Wissenschaft erfährt häufig die
Verachtung, daß auch solche, die sich mit ihr nicht bemüht haben,
die Einbildung aussprechen, sie verstehen von Haus aus, was es mit
der Philosophie für eine Bewandtnis habe, und seien fähig, wie
sie so in einer gewöhnlichen Bildung, insbesondere von religiösen
Gefühlen aus, gehen und stehen, zu philosophieren und über sie
zu urteilen. Man gibt zu, daß man die anderen Wissenschaften studiert
haben müsse, um sie zu kennen, und daß man erst vermöge
einer solchen Kenntnis berechtigt sei, ein Urteil über sie zu haben.
Man gibt zu, daß, um einen Schuh zu verfertigen, man dies gelernt
und geübt haben müsse, obgleich jeder an seinem Fuße den
Maßstab dafür und Hände und in ihnen die natürliche
Geschicklichkeit zu dem erforderlichen Geschäfte besitze. Nur zum
Philosophieren selbst soll dergleichen Studium, Lernen und Bemühung
nicht erforderlich sein.—Diese bequeme Meinung hat in den neuesten Zeiten
ihre Bestätigung durch die Lehre vom unmittelbaren Wissen, Wissen
durch Anschauen, erhalten.
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§ 6
Von der andern Seite ist es ebenso wichtig, daß die Philosophie darüber
verständigt sei, daß ihr Inhalt kein anderer ist als der im
Gebiete des lebendigen Geistes ursprünglich hervorgebrachte und sich
hervorbringende, zur Welt, äußeren und inneren Welt des
Bewußtseins gemachte Gehalt,—daß ihr Inhalt die Wirklichkeit
ist. Das nächste Bewußtsein dieses Inhalts nennen wir Erfahrung.
Eine sinnige Betrachtung der Welt unterscheidet schon, was von dem weiten
Reiche des äußeren und inneren Daseins nur Erscheinung,
vorübergehend und bedeutungslos ist, und was in sich wahrhaft den
Namen der Wirklichkeit verdient. Indem die Philosophie von anderem
Bewußtwerden dieses einen und desselben Gehalts nur nach der Form
unterschieden ist, so ist ihre Übereinstimmung mit der Wirklichkeit
und Erfahrung notwendig. Ja, diese Übereinstimmung kann für einen
wenigstens äußeren Prüfstein der Wahrheit einer Philosophie
angesehen werden, so wie es für den höchsten Endzweck der Wissenschaft
anzusehen ist, durch die Erkenntnis dieser Übereinstimmung die Versöhnung
der selbstbewußten Vernunft mit der seienden Vernunft, mit
der Wirklichkeit hervorzubringen.
In der Vorrede zu meiner
Philosophie des Rechts befinden
sich die Sätze:
Was vernünftig ist, das ist wirklich,
und was wirklich ist, das ist vernünftig.
Diese einfachen Sätze haben manchen auffallend geschienen
und Anfeindung erfahren, und zwar selbst von solchen, welche Philosophie
und wohl ohnehin Religion zu besitzen nicht in Abrede sein wollen. Die
Religion wird es unnötig sein in dieser Beziehung anzuführen,
da ihre Lehren von der göttlichen Weltregierung diese Sätze zu
bestimmt aussprechen. Was aber den philosophischen Sinn betrifft, so ist
so viel Bildung vorauszusetzen, daß man wisse, nicht nur daß
Gott wirklich,—daß er das Wirklichste, daß er allein wahrhaft
wirklich ist, sondern auch, in Ansehung des Formellen, daß überhaupt
das Dasein zum Teil Erscheinung und nur zum Teil Wirklichkeit ist.
Im gemeinen Leben nennt man etwa jeden Einfall, den Irrtum, das Böse
und was auf diese Seite gehört, sowie jede noch so verkümmerte
und vergängliche Existenz zufälligerweise eine Wirklichkeit.
Aber auch schon einem gewöhnlichen Gefühl wird eine zufällige
Existenz nicht den emphatischen Namen eines Wirklichkeit verdienen;—das
Zufällige ist eine Existenz, die keinen größeren Wert als
den eines Möglichen hat, die so gut nicht sein kann,
als sie ist. Wenn aber ich von Wirklichkeit gesprochen habe, so wäre
von selbst daran zu denken, in welchem Sinne ich diesen Ausdruck gebrauche,
da ich in einer ausführlichen Logik auch die Wirklichkeit abgehandelt
und sie nicht nur sogleich von dem Zufälligen, was doch auch Existenz
hat, sondern näher von Dasein, Existenz und anderen Bestimmungen genau
unterschieden habe.
* —Der
Wirklichkeitdes
Vernünftigen stellt sich schon die Vorstellung entgegen, sowohl
daß die Ideen, Ideale weiter nichts als Chimären und die Philosophie
ein System von solchen Hirngespinsten sei, als umgekehrt, daß die
Ideen und Ideale etwas viel zu Vortreffliches seien, um Wirklichkeit zu
haben, oder ebenso etwas zu Ohnmächtiges, um sich solche zu verschaffen.
Aber die Abtrennung der Wirklichkeit von der Idee ist besonders bei dem
Verstande beliebt, der die Träume seiner Abstraktionen für etwas
Wahrhaftes hält und auf das Sollen, das er vornehmlich auch
im politischen Felde gern vorschreibt, eitel ist, als ob die Welt auf ihn
gewartet hätte, um zu erfahren, wie sie sein solle, aber nicht
sei; wäre sie, wie sie sein soll, wo bliebe die Altklugheit seines
Sollens? Wenn er sich mit dem Sollen gegen triviale, äußerliche
und vergängliche Gegenstände, Einrichtungen, Zustände usf.
wendet, die etwa auch für eine gewisse Zeit, für besondere Kreise
eine große relative Wichtigkeit haben mögen, so mag er wohl
recht haben und in solchem Falle vieles finden, was allgemeinen richtigen
Bestimmungen nicht entspricht; wer wäre nicht so klug, um in seiner
Umgebung vieles zu sehen, was in der Tat nicht so ist, wie es sein soll?
Aber diese Klugheit hat unrecht, sich einzubilden, mit solchen Gegenständen
und deren Sollen sich innerhalb der Interessen der philosophischen Wissenschaft
zu befinden. Diese hat es nur mit der Idee zu tun, welche nicht so ohnmächtig
ist, um nur zu sollen und nicht wirklich zu sein, und damit mit einer Wirklichkeit,
an welcher jene Gegenstände, Einrichtungen, Zustände usf. nur
die oberflächliche Außenseite sind.
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§ 7
Indem das Nachdenken überhaupt zunächst das Prinzip (auch
im Sinne des Anfangs) der Philosophie enthält und nachdem es in seiner
Selbständigkeit
wieder in neueren Zeiten erblüht ist (nach den Zeiten der lutherischen
Reformation), so ist, indem es sich gleich anfangs nicht bloß abstrakt
wie in den philosophierenden Anfängen der Griechen gehalten, sondern
sich zugleich auf den maßlos scheinenden Stoff der Erscheinungswelt
geworfen hat, der Name Philosophie allem demjenigen Wissen gegeben
worden, welches sich mit der Erkenntnis des festen Maßes und Allgemeinen
in dem Meere der empirischen Einzelheiten und des Notwendigen, der
Gesetze
in der scheinbaren Unordnung der unendlichen Menge des Zufälligen
beschäftigt und damit zugleich seinen Inhalt aus dem eigenen
Anschauen und Wahrnehmen des Äußeren und Inneren, aus der präsenten
Natur wie aus dem präsenten Geiste und der Brust des Menschen
genommen hat.
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Das Prinzip der Erfahrung enthält die unendlich wichtige Bestimmung,
daß für das Annehmen und Fürwahrhalten eines Inhalts der
Mensch selbst dabei sein müsse, bestimmter, daß er solchen
Inhalt mit der Gewißheit seiner selbst in Einigkeit und vereinigt
finde. Er muß selbst dabei sein, sei es nur mit seinen äußerlichen
Sinnen oder aber mit seinem tieferen Geiste, seinem wesentlichen Selbstbewußtsein.—Es
ist dies Prinzip dasselbe, was heutigentags Glauben, unmittelbares Wissen,
die Offenbarung im Äußeren und vornehmlich im eigenen Innern
genannt worden ist. Wir heißen jene Wissenschaften, welche Philosophie
genannt worden sind,
empirische Wissenschaften von dem Ausgangspunkte,
den sie nehmen. Aber das Wesentliche, das sie bezwecken und hervorschaffen,
sind Gesetze, allgemeine Sätze, eine Theorie; die Gedanken
des Vorhandenen. So ist Newtonische Physik Naturphilosophie genannt
worden, wogegen z.B. Hugo Grotius durch Zusammenstellung der geschichtlichen
Benehmungen der Völker gegeneinander und mit der Unterstützung
eines gewöhnlichen Räsonnements allgemeine Grundsätze, eine
Theorie aufgestellt hat, welche Philosophie des äußeren Staatsrechts
genannt werden kann.—Noch hat der Name Philosophie bei den Engländern
allgemein diese Bestimmung, Newton hat fortdauernd den Ruhm des
größten Philosophen; bis in die Preiskurante der Instrumentenmacher
herab heißen diejenigen Instrumente, die nicht unter eine besondere
Rubrik magnetischen, elektrischen Apparats gebracht werden, die Thermometer,
Barometer usf. philosophische Instrumente; freilich sollte nicht
eine Zusammensetzung von Holz, Eisen usf., sondern allein das Denken
das Instrument der Philosophie genannt werden. *
—So heißt insbesondere die den neuesten Zeiten zu verdankende Wissenschaft
der politischen Ökonomie auch Philosophie, was wir rationelle Staatswirtschaft
oder etwa Staatswirtschaft der Intelligenz zu nennen pflegen.*
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§ 8
So befriedigend zunächst diese Erkenntnis in ihrem Felde ist, so zeigt
sich fürs erste noch ein anderer Kreis von
Gegenständen,
die darin nicht befaßt sind,—Freiheit, Geist, Gott. Sie sind
auf jenem Boden nicht darum nicht zu finden, weil sie der Erfahrung nicht
angehören sollten—sie werden zwar nicht sinnlich erfahren, aber was
im Bewußtsein überhaupt ist, wird erfahren; dies ist sogar ein
tautologischer Satz—, sondern weil diese Gegenstände sich sogleich
ihrem Inhalte nach als unendlich darbieten.
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Es ist ein alter Satz, der dem Aristoteles
fälschlicherweise
so zugeschrieben zu werden pflegt, als ob damit der Standpunkt seiner Philosophie
ausgedrückt sein sollte: 'nihil est in intellectu, quod non fuerit
in sensu'—es ist nichts im Denken, was nicht im Sinne, in der Erfahrung
gewesen. Es ist nur für einen Mißverstand zu achten, wenn die
spekulative Philosophie diesen Satz nicht zugeben wollte. Aber umgekehrt
wird sie ebenso behaupten: 'nihil est in sensu, quod non fuerit in intellectu,'—in
dem ganz allgemeinen Sinne daß der Nouz
und in tieferer Bestimmung der Geist die Ursache der Welt ist, und
in dem näheren (s. § 2), daß das rechtliche, sittliche,
religiöse Gefühl ein Gefühl und damit eine Erfahrung von
solchem Inhalte ist, der seine Wurzel und seinen Sitz nur im Denken hat.
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§ 9
Fürs andere verlangt die subjektive Vernunft der Form nach
ihre weitere Befriedigung; diese Form ist die Notwendigkeit überhaupt
(s. § 1). In jener wissenschaftlichen Weise ist teils das in ihr enthaltene
Allgemeine,
die Gattung usf. als für sich unbestimmt, mit dem
Besonderen nicht
für sich zusammenhängend, sondern beides einander äußerlich
und zufällig, wie ebenso die verbundenen Besonderheiten für sich
gegenseitig äußerlich und zufällig sind. Teils sind die
Anfänge allenthalben Unmittelbarkeiten, Gefundenes, Voraussetzungen.
In beidem geschieht der Form der Notwendigkeit nicht Genüge. Das Nachdenken,
insofern es darauf gerichtet ist, diesem Bedürfnisse Genüge zu
leisten, ist das eigentlich philosophische, das spekulative Denken.
Nachdenken hiermit, das in seiner Gemeinsamkeit mit jenem ersten
Nachdenken zugleich davon verschieden ist, hat es außer den
gemeinsamen auch eigentümliche Formen, deren allgemeine der
Begriff ist.
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Das Verhältnis der spekulativen Wissenschaft zu den anderen Wissenschaften
ist insofern nur dieses, daß jene den empirischen Inhalt der letzteren
nicht etwa auf der Seite läßt, sondern ihn anerkennt und gebraucht,
daß sie ebenso das Allgemeine dieser Wissenschaften, die Gesetze,
die Gattungen usf. anerkennt und zu ihrem eigenen Inhalte verwendet, daß
sie aber auch ferner in diese Kategorien andere einführt und geltend
macht. Der Unterschied bezieht sich insofern allein auf diese Veränderung
der Kategorien. Die spekulative Logik enthält die vorige Logik und
Metaphysik, konserviert dieselben Gedankenformen, Gesetze und Gegenstände,
aber sie zugleich mit weiteren Kategorien weiterbildend und umformend.
Von dem Begriffe im spekulativen Sinne ist
das was gewöhnlich Begriff genannt worden ist, zu unterscheiden. In
dem letzteren, einseitigen Sinne ist es, daß die Behauptung aufgestellt
und tausend- und abertausendmal wiederholt und zum Vorurteile gemacht worden
ist, daß das Unendliche nicht durch Begriffe gefaßt werden
könne.
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§ 10
Dieses Denken der philosophischen Erkenntnisweise bedarf es selbst, sowohl
seiner Notwendigkeit nach gefaßt wie auch seiner Fähigkeit nach,
die absoluten Gegenstände zu erkennen, gerechtfertigt zu werden. Eine
solche Einsicht ist aber selbst philosophisches Erkennen, das daher nur
innerhalb
der Philosophie fällt. Eine vorläufige Explikation würde
hiermit eine unphilosophische sein sollen und könnte nicht mehr sein
als ein Gewebe von Voraussetzungen, Versicherungen und Räsonnements,—d.i.
von zufälligen Behauptungen, denen mit demselben Rechte die entgegengesetzten
gegenüber versichert werden könnten.
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Ein Hauptgesichtspunkt der kritischen Philosophie ist, daß,
ehe daran gegangen werde, Gott, das Wesen der Dinge usf. zu erkennen, das
Erkenntnisvermögen
selbst vorher zu untersuchen sei, ob es solches zu leisten fähig sei:
man müsse das
Instrument vorher kennenlernen, ehe man die Arbeit
unternehme, die vermittels desselben zustande kommen soll; wenn es unzureichend
sei, würde sonst alle Mühe vergebens verschwendet sein.—Dieser
Gedanke hat so plausibel geschienen, daß er die größte
Bewunderung und Zustimmung erweckt und das Erkennen aus seinem Interesse
für die
Gegenstände und dem Geschäfte mit denselben
auf sich selbst, auf das Formelle, zürückgeführt hat. Will
man sich jedoch nicht mit Worten täuschen, so ist leicht zu sehen,
daß wohl andere Instrumente sich auf sonstige Weise etwa untersuchen
und beurteilen lassen als durch das Vornehmen der eigentümlichen Arbeit,
der sie bestimmt sind. Aber die Untersuchung des Erkennens kann nicht anders
als erkennend geschehen; bei diesem sogenannten Werkzeuge heißt
dasselbe untersuchen nichts anderes, als es erkennen. Erkennen wollen aber,
ehe
man erkenne, ist ebenso ungereimt als der weise Vorsatz jenes Scholastikus,
schwimmen
zu lernen, ehe sich ins Wasser wage. Reinhold, *
der die Verworrenheit erkannt hat, die in solchem Beginnen herrscht, hat
zur Abhilfe vorgeschlagen, vorläufig mit einem hypothetischen
und problematischen Philosophieren anzufangen und in demselben,
man weiß nicht wie, fortzumachen, bis sich weiterhin etwa ergebe,
daß man auf solchem Wege zum Urwahren
gelangt sei. Näher
betrachtet liefe dieser Weg auf das Gewöhnliche hinaus, nämlich
auf die Analyse einer empirischen Grundlage oder einer in eine Definition
gebrachten vorläufigen Annahme. Es ist nicht zu verkennen, daß
ein richtiges Bewußtsein darin liegt, den gewöhnlichen Gang
der Voraussetzungen und Vorläufigkeiten für ein hypothetisches
und problematisches Verfahren zu erklären. Aber diese richtige Einsicht
ändert die Beschaffenheit solchen Verfahrens nicht, sondern spricht
das Unzureichende desselben sogleich aus.
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§ 11
Näher kann das Bedürfnis der Philosophie dahin bestimmt werden,
daß, indem der Geist als fühlend und anschauend Sinnliches,
als Phantasie Bilder, als Wille Zwecke usf. zu Gegenständen hat, er
im Gegensatze oder bloß im Unterschiede von diesen Formen
seines Daseins und seiner Gegenstände auch seiner höchsten Innerlichkeit,
dem
Denken, Befriedigung verschaffe und das Denken zu seinem Gegenstande
gewinne. So kommt er zu sich selbst, im tiefsten Sinne des Worts,
denn sein Prinzip, seine unvermischte Selbstheit ist das Denken. In diesem
seinem Geschäfte aber geschieht es, daß das Denken sich in Widersprüche
verwickelt, d.i. sich in die feste Nichtidentität der Gedanken verliert,
somit sich selbst nicht erreicht, vielmehr in seinem Gegenteil befangen
bleibt. Das höhere Bedürfnis geht gegen dies Resultat des nur
verständigen Denkens und ist darin begründet, daß das Denken
nicht von sich läßt, sich auch in diesem bewußten Verluste
seines Beisichseins getreu bleibt, 'auf daß es überwinde,'
im Denken selbst die Auflösung seiner eigenen Widersprüche vollbringe.
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Die Einsicht, daß die Natur des Denkens selbst die Dialektik ist,
daß es als Verstand in das Negative seiner selbst, in den Widerspruch
geraten muß, macht eine Hauptseite der Logik aus. Das Denken, verzweifelnd,
aus
sich auch die Auflösung des Widerspruchs, in den es sich selbst
gesetzt, leisten zu können, kehrt zu den Auflösungen und Beruhigungen
zurück, welche dem Geiste in anderen seiner Weisen und Formen zuteil
geworden sind. Das Denken hätte jedoch bei dieser Rückkehr nicht
nötig, in die Misologie zu verfallen, von welcher Platon
bereits die Erfahrung vor sich gehabt hat, und sich polemisch gegen sich
selbst zu benehmen, wie dies in der Behauptung des sogenannten unmittelbaren
Wissens als der ausschließenden Form des Bewußtseins
der Wahrheit geschieht.
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§ 12
Die aus dem genannten Bedürfnisse hervorgehende Entstehung
der Philosophie hat die Erfahrung, das unmittelbare und räsonierende
Bewußtsein, zum Ausgangspunkte. Dadurch als einen Reiz erregt,
benimmt sich das Denken wesentlich so, daß es über das natürliche,
sinnliche und räsonierende Bewußtsein sich erhebt in
das unvermischte Element seiner selbst und sich so zunächst ein sich
entfernendes,
negatives Verhältnis zu jenem Anfange gibt. Es
findet so in sich, in der Idee des allgemeinen Wesens dieser Erscheinungen,
zunächst seine Befriedigung; diese Idee (das Absolute, Gott) kann
mehr oder weniger abstrakt sein. Umgekehrt bringen die Erfahrungswissenschaften
den Reiz mit sich, die Form zu besiegen, in welcher der Reichtum
ihres Inhalts als ein nur Unmittelbares und Gefundenes, nebeneinander
gestelltes Vielfaches, daher überhaupt Zufälliges geboten
wird, und diesen Inhalt zur Notwendigkeit zu erheben,—dieser Reiz reißt
das Denken aus jener Allgemeinheit und der an sich gewährten
Befriedigung heraus und treibt es zur Entwicklung von sich aus.
Diese ist einerseits nur ein Aufnehmen des Inhalts und seiner vorgelegten
Bestimmungen und gibt demselben zugleich andererseits die Gestalt, frei
im Sinne des ursprünglichen Denkens nur nach der Notwendigkeit der
Sache selbst hervorzugehen.
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Von dem Verhältnisse der Unmittelbarkeit und Vermittlung
im Bewußtsein ist unten ausdrücklich und ausführlicher
zu sprechen. Es ist hier nur vorläufig darauf aufmerksam zu machen,
daß, wenn beide Momente auch als unterschieden erscheinen, keines
von beiden fehlen kann und daß sie in unzertrennlicher
Verbindung sind.—So enthält das Wissen von Gott, wie von allem Übersinnlichen
überhaupt, wesentlich eine Erhebung über die sinnliche
Empfindung oder Anschauung; es enthält damit ein negative Verhalten
gegen dies Erste, darin aber die Vermittlung. Denn Vermittlung ist
ein Anfangen und ein Fortgegangensein zu einem Zweiten, so daß dies
Zweite nur ist, insofern zu demselben von einem gegen dasselbe Anderen
gekommen worden ist. Damit aber ist das Wissen von Gott gegen jene empirische
Seite nicht weniger selbständig, ja es gibt sich seine Selbständigkeit
wesentlich durch diese Negation und Erhebung.—Wenn die Vermittlung zur
Bedingtheit gemacht und einseitig herausgehoben wird, so kann man sagen,
aber es ist nicht viel damit gesagt, die Philosophie verdanke der Erfahrung
(dem Aposteriorischen) ihre erste Entstehung—in der Tat ist das
Denken wesentlich die Negation eines unmittelbar Vorhandenen—, so sehr
als man das Essen den Nahrungsmitteln verdanke, denn ohne diese könnte
man nicht essen; das Essen wird freilich in diesem Verhältnisse als
undankbar vorgestellt, denn es ist das Verzehren desjenigen, dem es sich
selbst verdanken soll. Das Denken ist in diesem Sinne nicht weniger undankbar.
Die eigene aber, in sich reflektierte, daher in
sich vermittelte Unmittelbarkeit des Denkens (das
Apriorische)
ist die Allgemeinheit, sein Beisichsein überhaupt; in ihr ist
es befriedigt in sich, und insofern ist ihm die Gleichgültigkeit gegen
die Besonderung, damit aber gegen seine Entwicklung, angestammt.
Wie die Religion, ob entwickelter oder ungebildeter, zum wissenschaftlichen
Bewußtsein ausgebildet oder im unbefangenen Glauben und Herzen gehalten,
dieselbe intensive Natur der Befriedigung und Beseligung besitzt. Wenn
das Denken bei der
Allgemeinheit der Ideen stehenbleibt—wie [es]
notwendig in den ersten Philosophien (z. B. dem Sein der eleatischen Schule,
dem Werden Heraklits u. dgl.) der Fall ist—, wird ihm mit Recht
Formalismus
vorgeworfen; auch bei einer entwickelten Philosophie kann es geschehen,
daß nur die abstrakten Sätze oder Bestimmungen, z. B. daß
im Absoluten Alles Eins [ist], die Identität des Subjektiven und Objektiven,
aufgefaßt und beim Besonderen nur dieselben wiederholt werden. In
Beziehung auf die erste abstrakte Allgemeinheit des Denkens hat es einen
richtigen und gründlichen Sinn, daß der Erfahrung die Entwicklung
der Philosophie zu verdanken ist. Die empirischen Wissenschaften bleiben
einerseits nicht bei dem Wahrnehmen der Einzelheiten der Erscheinung
stehen, sondern denkend haben sie der Philosophie den Stoff entgegengearbeitet,
indem sie die allgemeinen Bestimmungen, Gattungen und Gesetze finden; sie
vorbereiten so jenen Inhalt des Besonderen dazu, in die Philosophie aufgenommen
werden zu können. Andererseits enthalten sie damit die Nötigung
für das Denken, selbst zu diesen konkreten Bestimmungen fortzugehen.
Das Aufnehmen dieses Inhalts, in dem durch das Denken die noch anklebende
Unmittelbarkeit und das Gegebensein aufgehoben wird, ist zugleich ein
Entwickeln
des Denkens aus sich selbst. Indem die Philosophie so ihre Entwicklung
den empirischen Wissenschaften verdankt, gibt sie deren Inhalte die wesentlichste
Gestalt der Freiheit (des
Apriorischen) des Denkens und die
Bewährung
der
Notwendigkeit, statt der Beglaubigung des Vorfindens und der
erfahrenen Tatsache, daß die Tatsache zur Darstellung und Nachbildung
der ursprünglichen und vollkommen selbständigen Tätigkeit
des Denkens werde.
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§ 13
In der eigentümlichen Gestalt äußerlicher Geschichte
wird die Entstehung und Entwicklung der Philosophie als Geschichte dieser
Wissenschaft vorgestellt. Diese Gestalt gibt den Entwicklungsstufen
der Idee die Form von zufälliger Aufeinanderfolge und etwa
von bloßer Verschiedenheit der Prinzipien und ihrer Ausführungen
in ihren Philosophien. Der Werkmeister aber dieser Arbeit von Jahrtausenden
ist der eine lebendige Geist, dessen denkende Natur es ist, das, was
er ist, zu seinem Bewußtsein zu bringen und, indem dies so Gegenstand
geworden, zugleich schon darüber erhoben und eine höhere Stufe
in sich zu sein. Die
Geschichte der Philosophie zeigt an den verschieden
erscheinenden Philosophien teils nur eine Philosophie auf verschiedenen
Ausbildungsstufen auf, teils daß die besonderen Prinzipien,
deren eines einem System zugrunde lag, nur Zweige eines und desselben
Ganzen sind. Die der Zeit nach letzte Philosophie ist das Resultat aller
vorhergehenden Philosophien und muß daher die Prinzipien aller enthalten;
sie ist darum, wenn sie anders Philosophie ist, die entfaltetste, reichste
und konkreteste.
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Bei dem Anschein der so vielen, verschiedenen Philosophien muß
das Allgemeine und Besondere seiner eigentlichen Bestimmung
nach unterschieden werden. Das Allgemeine, formell genommen und neben
das Besondere gestellt, wird selbst auch zu etwas Besonderem. Solche Stellung
würde bei Gegenständen des gemeinen Lebens von selbst als unangemessen
und ungeschickt auffallen, wie wenn z. B. einer, der Obst verlangte, Kirschen,
Birnen, Trauben usf. ausschlüge, weil sie Kirschen, Birnen, Trauben,
nicht
aber Obst seien. In Ansehung der Philosophie aber läßt man es
sich zu, die Verschmähung derselben damit zu rechtfertigen, weil es
so verschiedene Philosophien gebe und jede nur eine Philosophie, nicht
die Philosophie sei,—als ob nicht auch die Kirschen Obst wären. Es
geschieht auch, daß eine solche, deren Prinzip das Allgemeine ist,
neben solche, deren Prinzip ein besonderes ist, ja sogar neben Lehren,
die versichern, daß es gar keine Philosophie gebe, gestellt wird,
in dem Sinne, daß beides nur verschiedene Ansichten der Philosophie
seien, etwa wie wenn Licht und Finsternis nur zwei verschiedene
Arten des Lichtes genannt würden.
§ 14
Dieselbe Entwicklung des Denkens, welche in der Geschichte der Philosophie
dargestellt wird, wird in der Philosophie selbst dargestellt, aber befreit
von jener geschichtlichen Äußerlichkeit, rein im Elemente
des Denkens. Der freie und wahrhafte Gedanke ist in sich konkret,
und so ist er Idee, und in seiner ganzen Allgemeinheit die Idee
oder das Absolute. Die Wissenschaft desselben ist wesentlich System,
weil das Wahre als konkret nur als sich in sich entfaltend und in
Einheit zusammmennehmend und -haltend, d.i. als Totalität ist
und nur durch Unterscheidung und Bestimmung seiner Unterschiede die Notwendigkeit
derselben und die Freiheit des Ganzen sein kann.
-
Ein Philosophieren ohne System kann nichts Wissenschaftliches sein;
außerdem, daß solches Philosophieren für sich mehr eine
subjektive Sinnesart ausdrückt, ist es seinem Inhalte nach zufällig.
Ein Inhalt hat allein als Moment des Ganzen seine Rechtfertigung, außer
demselben aber eine unbegründete Voraussetzung oder subjektive Gewißheit;
viele philosophische Schriften beschränken sich darauf, auf Solche
Weise nur Gesinnungen und Meinungen auszusprechen.—Unter
einem Systeme wird fälschlich eine Philosophie von einem beschränkten,
von anderen unterschiedenen Prinzip verstanden; es ist im Gegenteil
Prinzip wahrhafter Philosophie, alle besonderen Prinzipien in sich zu enthalten.
-
§ 15
Jeder der Teile der Philosophie ist ein philosophisches Ganzes, ein sich
in sich selbst schließender Kreis, aber die philosophische Idee ist
darin in einer besonderen Bestimmtheit oder Elemente. Der einzelne Kreis
durchbricht darum, weil er in sich Totalität ist, auch die Schranke
seines Elements und begründet eine weitere Sphäre; das Ganze
stellt sich daher als ein Kreis von Kreisen dar, deren jeder ein notwendiges
Moment ist, so daß das System ihrer eigentümlichen Elemente
die ganze Idee ausmacht, die ebenso in jedem einzelnen erscheint.
§ 16
Als Enzyklopädie wird die Wissenschaft nicht in der ausführlichen
Entwicklung ihrer Besonderung dargestellt, sondern ist auf die Anfänge
und die Grundbegriffe der besonderen Wissenschaften zu beschränken.
-
Wieviel von den besonderen Teilen dazu gehöre, eine besondere Wissenschaft
zu konstituieren, ist insoweit unbestimmt, als der Teil nicht nur ein vereinzeltes
Moment, sondern selbst eine Totalität sein muß, um ein Wahres
zu sein. Das Ganze der Philosophie macht daher wahrhaft eine Wissenschaft
aus, aber sie kann auch als ein Ganzes von mehreren besonderen Wissenschaften
angesehen werden.—Die philosophische Enzyklopädie unterscheidet sich
von einer anderen, gewöhnlichen Enzyklopädie dadurch, daß
diese etwa ein Aggregat der Wissenschaften sein soll, welche zufälliger-
und empirischerweise aufgenommen und worunter auch solche sind, die nur
den Namen von Wissenschaften tragen, sonst aber selbst eine bloße
Sammlung von Kenntnissen sind. Die Einheit, in welche in solchem Aggregate
die Wissenschaften zusammengebracht werden, ist, weil sie äußerlich
aufgenommen sind, gleichfalls eine
äußerliche,—eine Ordnung.
Diese muß aus demselben Grunde, zudem da auch die Materialien zufälliger
Natur sind, ein Versuch bleiben und immer unpassende Seiten zeigen.—Außerdem
denn, daß die philosophische Enzyklopädie 1. bloße Aggregate
von Kenntnissen—wie z. B. die Philologie zunächst erscheint—ausschließt,
so auch ohnehin 2. solche, welche die bloße Willkür zu ihrem
Grunde haben, wie z. B. die Heraldik; Wissenschaften der letzteren Art
sind die durch und durch positiven. 3. Andere Wissenschaften werden
auch positive genannt, welche jedoch einen rationellen Grund und
Anfang haben. Dieser Bestandteil gehört der Philosophie an; die positive
Seite aber bleibt ihnen eigentümlich. Das Positive der Wissenschaften
ist von verschiedener Art. 1. Ihr an sich rationeller Anfang geht in das
Zufällige dadurch über, daß sie das Allgemeine in die empirische
Einzelheit
und Wirklichkeit herunterzuführen haben. In diesem Felde der
Veränderlichkeit und Zufälligkeit kann nicht der Begriff,
sondern können nur Gründe geltend gemacht werden. Die
Rechtswissenschaft z. B. oder das System der direkten und indirekten Abgaben
erfordern letzte genaue Entscheidungen, die außer dem An-und-für-sich-Bestimmtsein
des Begriffes liegen und daher eine Breite für die Bestimmung
zulassen, die nach einem Grunde so und nach einem anderen anders gefaßt
werden kann und keines sicheren Letzten fähig ist. Ebenso verläuft
sich die Idee der Natur in ihrer Vereinzelung in Zufälligkeiten,
und die Naturgeschichte, Erdbecshreibung, Medizin usf. gerät
in Bestimmungen der Existenz, in Arten und Unterschiede, die von äußerlichem
Zufall und vom Spiele, nicht durch Vernunft bestimmt sind. Auch die Geschichte
gehört hierher, insofern die Idee ihr Wesen, deren Erscheinung aber
in der Zufälligkeit und im Felde der Willkür ist. 2. Solche Wissenschaften
sind auch insofern positiv, als sie ihre Bestimmungen nicht für
endlich
erkennen, noch den Übergang derselben und ihrer ganzen Sphäre
in eine höhere aufzeigen, sondern sie für schlechthin geltend
annehmen. Mit dieser Endlichkeit der Form, wie die erste die Endlichkeit
des
Stoffes ist, hängt 3. die des Erkenntnisgrundes
zusammen,
welcher teils das Räsonnement, teils Gefühl, Glauben, Autorität
anderer, überhaupt die Autorität der inneren oder äußeren
Anschauung ist. Auch die Philosophie, welche sich auf Anthropologie, Tatsachen
des Bewußtseins, innere Anschauung oder äußere Erfahrung
gründen will, gehört hierher. Es kann noch sein, daß bloß
die Form der wissenschaftlichen Darstellung empirisch ist, aber
die sinnvolle Anschauung das, was nur Erscheinungen sind, so ordnet, wie
die innere Folge des Begriffes ist. Es gehört zu solcher Empirie,
daß durch die Entgegensetzung und Mannigfaltigkeit der zusammengestellten
Erscheinungen die äußerlichen, zufälligen Umstände
der Bedingungen sich aufheben, wodurch dann das Allgemeine vor den
Sinn tritt.—Eine sinnige Experimentalphysik, Geschichte usf. wird auf diese
Weise die rationelle Wissenschaft der Natur und der menschlichen Begebenheiten
und Taten in einem äußerlichen, den Begriff abspiegelnden Bilde
darstellen.
§ 17
Für den Anfang, den die Philosophie zu machen hat, scheint
sie im allgemeinen ebenso mit einer subjektiven Voraussetzung wie die anderen
Wissenschaften zu beginnen, nämlich einen besonderen Gegenstand, wie
anderwärts Raum, Zahl usf., so hier das Denken zum Gegenstande
des Denkens machen zu müssen. Allein es ist dies der freie Akt des
Denkens, sich auf den Standpunkt zu stellen, wo es für sich selber
ist und sich hiermit seinen Gegenstand selbst erzeugt und
gibt.
Ferner muß der Standpunkt, welcher so als unmittelbarer erscheint,
innerhalb der Wissenschaft sich zum Resultate, und zwar zu ihrem
letzten machen, in welchem sie ihren Anfang wieder erreicht und in sich
zurückkehrt. Auf diese Weise zeigt sich die Philosophie als ein in
sich zurückgehender Kreis, der keinen Anfang im Sinne anderer Wissenschaften
hat, so daß der Anfang nur eine Beziehung auf das Subjekt, als welches
sich entschließen will zu philosophieren, nicht aber auf die Wissenschaft
als solche hat.—Oder, was dasselbe ist, der Begriff der Wissenschaft und
somit der erste—und weil er der erste ist, enthält er die Trennung,
daß das Denken Gegenstand für ein (gleichsam äußerliches)
philosophierendes Subjekt ist—muß von der Wissenschaft selbst erfaßt
werden. Dies ist sogar ihr einziger Zweck, Tun und Ziel, zum Begriffe ihres
Begriffes und so zu ihrer Rückkehr und Befriedigung zu gelangen.
§ 18
Wie von einer Philosophie nicht eine vorläufige, allgemeine Vorstellung
gegeben werden kann, denn nur das Ganze der Wissenschaft ist die
Darstellung der Idee, so kann auch ihre Einteilung nur erst aus
dieser begriffen werden; sie ist wie diese, aus der sie zu nehmen ist,
etwas Antizipiertes. Die Idee aber erweist sich als das schlechthin mit
sich identische Denken und dies zugleich als die Tätigkeit, sich selbst,
um für sich zu sein, sich gegenüberzustellen und in diesem Anderen
nur bei sich selbst zu sein. So zerfällt die Wissenschaft in die drei
Teile:
-
Die Logik, die Wissenschaft der Idee an und für sich,
-
Die Naturphilosophie als die Wissenschaft der Idee in ihrem Anderssein,
-
Die Philosophie des Geistes als der Idee, die aus ihrem Anderssein in
sich zurückkehrt.
-
Oben § 15 ist bemerkt, daß die Unterschiede der besonderen philosophischen
Wissenschaften nur Bestimmungen der Idee selbst sind und diese es nur ist,
die sich in diesen verschiedenen Elementen darstellt. In der Natur ist
es nicht ein Anderes als die Idee, welches erkannt würde, aber sie
ist in der Form der Entäußerung, so wie im Geiste ebendieselbe
als
für sich seiend und an und für sich werdend. Eine
solche Bestimmung, in der die Idee erscheint, ist zugleich ein
fließendes
Moment;
daher ist die einzelne Wissenschaft ebensosehr dies, ihren Inhalt als seienden
Gegenstand, als auch dies, unmittelbar darin seinen Übergang in seinen
höheren Kreis zu erkennen. Die Vorstellung der Einteilung
hat daher das Unrichtige, daß sie die besonderen Teile oder Wissenschaften
nebeneinander
hinstellt, als ob sie nur ruhende und in ihrer Unterscheidung substantielle,
wie Arten, wären.
*Wissenschaft der Logik, 2. Buch,
3. Abschnitt: "die Wirklichkeit."
GERI
*Auch das von Thomson herausgegebene
Journal hat den Titel: Annalen der Philosophie oder Magazin der
Chemie,
Mineralogie, Mechanik, Naturhistorie, Landwirtschaft
und
Künste.
Man kann sich hieraus von selbst vorstellen, wie die Materien beschaffen
sind, die hier philosophische heißen. —Unter den Anzeigen
von neu erscheinen Büchern fand ich kürzlich in einer englischen
Zeitung folgende: The Art of preserving hair on philosophical principles,
neatly printed in post 8., price 7 sh.—Unter
philosophische Grundsätzen
der Präservation der Haare sind wahrscheinlich chemische, physiologische
und dgl. gemeint.
2Thomas Thomson, Annals of Philosophy; or
Magazine of Chemistry, Mineralogy, Mechanics, Natural History, Agriculture,
and the Arts. 16 Bde., London 1813-1820.
GERI
*In dem Munde englischer Staatsmänner,
in Beziehung auf die allgemeinen staatswirtschafthlichen Grundsätze
kommt der Ausdruck philosophischer Grundsätze häufig vor,
auch in öffentlichen Vorträgen. In der Parlamentssitzung von
1821 (2 Febr.) drückte sich Brougham bei Gelegenheit der Adresse,
mit der die Rede vom Throne beantwortet werden sollte, so aus: 'die eines
Staatsmannes würdigen und philosohpischen Grundsätze vom
freien Handel—denn zweifelsohne sind sie philosophisch—, über deren
Annahme Se. Majestät heute dem Parlament Glück gewünscht
hat.'—Nicht aber nur dieses Oppositionsmitglied, sondern bei dem jährlichen
Gastmahl, das (in demselben Monat) die Schiffseigner-Gesellschaft unter
Vorsitz des ersten Ministers Earl Liverpool, zu seinen Seiten den Staatssekretär
Canning und den General-Zahlmeister der Armee, Sir Charles Long, abhielt,
sagte der Staatssekretär Canning in der Erwiderung auf die ihm gebrachte
Gesundheit: 'Eine Periode hat kürzlich begonnen, in der die Minister
es in ihrer Gewalt hatten, auf die Staatsverwaltung dieses Landes die richtigen
Maximen tiefer Philosophie anzuwenden. Wie auch englische Philosophie
von deutscher unterschieden sein möge, wenn anderwärts der Name
Philosophie nur als ein Übername und Hohn oder als etwas Gehässiges
gebraucht wird, so ist es immer erfreulich, ihn noch in dem Munde englischer
Staatsminister geehrt zu sehen.
GERI
*Karl Leonhard Reinhold, Beiträge
zur leichtern Übersicht des Zustandes der Philosophie beim Anfange
des 19. Jahrhunderts, Hamburg 1801.
GERI

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