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Erster Teil
Über die spezielle Relativitätstheorie (§§ 13-17)
§ 13 Additionstheorem
der Geschwindigkeiten — FIZEAUscher Versuch
bewegt. Aus der ersten und vierten Gleichung der GALILEI-Transformation kann man x´ und t´ durch x und t ausdrücken und erhält so
Diese Gleichung drückt
nichts anderes aus als das Bewegungsgesetz des Punktes gegenüber
dem System K (des Mannes gegenüber dem Bahndamm), welche Geschwindigkeit
wir mit W bezeichnen, so daß man, wie in § 6, erhält:
Wir können aber diese Betrachtung ebenso gut unter Zugrundelegung der Relativitätstheorie durchführen. Man hat dann in der Gleichung
x´ und
t´ durch x und t auszudrücken unter Verwendung
der ersten und vierten Gleichung der LORENTZ-Transformation. Man
erhält dann statt der Gleichung (A) die Gleichung:
welche dem Additionstheorem gleichgerichteter Geschwindigkeiten nach der Relativitätstheorie entspricht. Die Frage ist nun, welches von diesen beiden Theoremen der Erfahrung gegenüber standhält. Hierüber belehrt uns ein höchst wichtiges Experiment, welches der geniale Physiker FIZEAU vor mehr als einem halben Jahrhundert ausführte, und das seitdem von einigen der besten Experimentalphysiker wiederholt wurde, so daß das Resultat unbezweifelbar ist. Das Experiment behandelt folgende Frage. In einer ruhenden Flüssigkeit pflanze sich das Licht mit einer bestimmten Geschwindigkeit w fort. Wie rasch pflanzt es sich in der Röhre R der Abbildung in der Pfeilrichtung fort, wenn diese von der vorhin genannten Flüssigkeit mit der Geschwindigkeit v durchströmt ist?
Wir werden im Sinne
des Relativitätsprinzips jedenfalls vorauszusetzen haben, daß
relativ zur Flüssigkeit die Lichtausbreitung immer it derselben
Geschwindigkeit w erfolgt, mag die Flüssigkeit relativ zu
anderen Körpern bewegt sein oder nicht. Es ist also die Geschwindigkeit
des Lichtes relativ zur Flüssigkeit und die Geschwindigkeit der letzteren
relativ zur Röhre bekannt, gesucht ist die Geschwindigkeit des Lichtes
relativ zur Röhre.
Es ist nun allerdings
hervorzuheben, daß eine Theorie dieses Phänomens lange vor
der Aufstellung der Relativitätstheorie auf rein elektrodynamischem
Wege unter Benutzung bestimmter Hypothesen über die elektromagnetische
Struktur der Materie von H. A. LORENTZ gegeben worden ist. Dieser Umstand
vermindert aber die Beweiskraft des Versuches als experimentum crucis
zugunsten der Relativitätstheorie keineswegs. Denn die MAXWELL-LORENTZsche
Elektrodynamik, auf welcher die ursprüngliche Theorie beruhte, steht
in keinerlei Gegensatz zur Relativitätstheorie. Letztere ist vielmehr
aus der Elektrodynamik herausgewachsen als verblüffend einfache Zusammenfassung
und Verallgemeinerung der früher voneinander unabhängigen Hypothesen,
auf welchen die Elektrodynamik aufgebaut war. Der bisher dargelegte
Gedankengang läßt sich wie folgt kurz zusammenfassen. Die Erfahrung
hat zu der Überzeugung geführt, daß einerseits das Relativitätsprinzip
(im engeren Sinne) gelte und daß andererseits die Ausbreitungsgeschwindigkeit
des Lichtes im Vakuum gleich einer Konstanten c zu setzen sei.
Durch Vereinigung dieser beiden Postulate ergab sich das Transformationsgesetz
für die rechtwinkligen Koordinaten x, y, z und
die Zeit t der Ereignisse, welche das Naturgeschehen zusammensetzen,
und zwar ergab sich nicht die GALILEI-Transformation, sondern (abweichend
von der klassischen Mechanik) die LORENTZ-Transformation.
Aus den bisherigen
Darlegungen ist ersichtlich, daß die (spezielle) Relativitätstheorie
aus der Elektrodynamik und Optik herausgewachsen ist. Auf diesen Gebieten
hat sie an den Aussagen der Theorie nicht viel geändert, aber sie
hat das theoretische Gebäude, d.h. die Ableitung der Gesetze, bedeutend
vereinfacht und — was noch ungleich wichtiger ist — die Zahl der voneinander
unabhängigen Hypothesen, auf welchen die Theorie beruht, erheblich
vermindert. Sie hat der MAXWELL-LORENTZschen Theorie einen solchen Grad
von Evidenz verliehen, daß diese auch dann bei den Physikern allgemein
durchgedrungen wäre, wenn das Experiment weniger überzeugend
zu ihren Gunsten gesprochen hätte. gegeben, sondern durch den Ausdruck Dieser Ausdruck wird unendlich, wenn sich die Geschwindigkeit v der Lichtgeschwindigkeit c nähert. Es muß also die Geschwindigkeit stets kleiner als c bleiben, wie große Energien man auch auf die Beschleunigung verwenden mag. Entwickelt man den Ausdruck für die kinetische Energie in eine Reihe, so erhält man : Das dritte dieser
Glieder ist gegenüber dem zweiten, in der klassischen Mechanik allein
berücksichtigten, stets klein, wenn v /c klein gegen
1 ist. Das erste Glied mc enthält die Geschwindigkeit
nicht, kommt also nicht in Betracht, wenn es sich nur um die Frage handelt,
wie die Energie eines Massenpunktes von der Geschwindigkeit abhängt.
Über seine prinzipielle Bedeutung wird nachher gesprochen werden.
Die gesuchte Energie des Körpers ist also dann mit Rücksicht auf den vorher angegebenen Ausdruck für die kinetische Energie gegeben durch: Der Körper hat also dann dieselbe Energie wie ein mit der Geschwindigkeit v bewegter Körper von der Masse m + E0/c. Man kann also sagen: Nimmt ein Körper die Energie E0 auf, so wächst seine träge Masse um E0/c; die träge Masse eines Körpers ist keine Konstante, sondern nach Maßgabe seiner Energieänderung veränderlich. Die träge Masse eines Körpersystems kann geradezu als Maß für seine Energie angesehen werden. Der Satz von der Erhaltung der Masse eines Systems fällt mit dem Satze von der Erhaltung der Energie zusammen und gilt nur insoweit, als das System keine Energie aufnimmt und abgibt. Schreibt man den Ausdruck für die Energie in der Form so sieht man, daß
die Form mc2 , die uns schon vorhin auffiel, nichts
anderes ist als die Energie, welche der Körper schon besaß12
bevor er die Energie E0 aufgenommen
hatte.
Der direkte Vergleich
dieses Satzes mit der Erfahrung scheitert vorläufig daran, daß
die Energieänderungen E0,
welche wir einem System erteilen können, nicht groß genug sind,
um sich als Änderung der trägen Masse des Systems bemerkbar
zu machen. E0/c2
ist zu klein im Vergleich zu der Masse m, die vor der Energieänderung
vorhanden war. Auf diesem Umstande beruht es, daß ein Satz von der
Erhaltung der Masse von selbständiger Geltung mit Erfolg aufgestellt
werden konnte.
Die Frage, inwieweit
die spezielle Relativitätstheorie durch die Erfahrung gestützt
wird, ist nicht einfach zu beantworten aus einem Grunde, der schon bei
Gelegenheit des Fundamentalversuches von FIZEAU erwähnt ist. Die
spezielle Relativitätstheorie ist aus der MAXWELL-LORENTZschen Theorie
der elektromagnetischen Erscheinungen auskristallisiert. Somit stützen
alle Erfahrungstatsachen die Relativitätstheorie, welche jene elektromagnetische
Theorie stützen. Ich erwähne hier als besonders wichtig, daß
die Relativitätstheorie in überaus einfacher Weise in Übereinstimmung
mit der Erfahrung die Einflüsse abzuleiten gestattet, welche das
von den Fixsternen zu uns gesandte Licht durch die Relativbewegung der
Erde gegen jene Fixsterne erfährt. Es ist dies die jährliche
Wanderung des scheinbaren Ortes der Fixsterne infolge der Erdbewegung
um die Sonne (Aberration) und der Einfluß der Radialkomponente der
Relativbewegungen der Fixsterne gegen die Erde auf die Farbe des zu uns
gelangenden Lichtes; der letztere Einfluß äußert sich
in einer kleinen Verschiebung der Spektrallinien des von einem Fixstern
zu uns gelangenden Lichtes gegenüber der spektralen Lage der gleichen
mit einer irdischen Lichtquelle erzeugten Spektrallinie (DOPPLERsches
Prinzip). Die experimentellen Argumente zugunsten der MAXWELL-LORENTZschen
Theorie, welche alle zugleich Argumente zugunsten der Relativitätstheorie
sind, sind zu zahlreich, um hier dargelegt zu werden. Sie engen tatsächlich
die theoretischen Möglichkeiten derart ein, daß sich keine
andere Theorie als die MAXWELL-LORENTZsche der Erfahrung gegenüber
hat behaupten können.
Die Relativitätstheorie
liefert dasselbe Bewegungsgesetz, ohne daß sie irgendeiner speziellen
Hypothese über den Bau und das Verhalten des Elektrons bedürfte.
Analog liegen die Dinge, wie wir in § 13 gesehen haben, bei dem Versuch
von FIZEAU, dessen Ergebnis die Relativitätstheorie lieferte, ohne
daß Hypothesen über die physikalische Natur der Flüssigkeit
gemacht werden mußten.
Ein mystischer Schauer
ergreift den Nichtmathematiker, wenn er von ,,vierdimensional hört,
ein Gefühl, das dem vom Theatergespenst erzeugten nicht unähnlich
ist. Und doch ist keine Aussage banaler als die, daß unsere gewohnte
Welt ein vierdimensionales zeiträumliches Kontinuum ist. lehrt. Denn nach
dieser Gleichung verschwindet die Zeitdifferenz Dt´
zweier Ereignisse in bezug auf K´auch dann im allgemeinen
nicht, wenn die Zeitdifferenz Dt
derselben in bezug auf K verschwindet. Rein räumliche Distanz
zweier Ereignisse in bezug auf K hat zeitliche Distanz derselben
in bezug auf K´ zur Folge. Auch hierin liegt nicht MINKOWSKIs
für die formale Entwicklung der Relativitätstheorie wichtige
Entdeckung. Diese liegt vielmehr in der Erkenntnis, daß das vierdimensionale
Kontinuum der Relativitätstheorie in seinen maßgebenden formalen
Eigenschaften die weitgehendste Verwandtschaft zeigt zu dem dreidimesionalen
Kontinuum des euklidischen geometrischen Raumes.14
Um diese Verwandtschaft ganz hervortreten zu lassen, muß man allerdings
statt der üblichen Zeitkoordinaten t die ihr proportionale
imaginäre Größe Ö(–1)
ct einführen. Dann aber nehmen die den Forderungen der (speziellen)
Relativitätstheorie genügenden Naturgesetze mathematische Formen
an, in denen die Zeitkoordinate genau dieselbe Rolle spielt wie die drei
räumlichen Koordinaten. Diese vier Koordinaten entspechen formal
genau den drei räumlichen Koordinaten der euklidischen Geometrie.
Es muß auch dem Nichtmathematiker einleuchten, daß durch diese
rein formale Erkenntnis die Theorie außerordentlich an Übersichtlichkeit
gewinnen mußte.
Diese dürftigen
Andeutungen geben dem Leser nur eine vage Idee von dem wichtigen Gedanken
MINKOWSKIs, ohne den die im folgenden in ihren Grundgedanken entwickelte
allgemeine Relativitätstheorie vielleicht in den Windeln stecken
geblieben wäre. Da aber ein exakteres Erfassen dieses für den
mathematisch nichtgeübten Leser zweifellos schwer zugänglichen
Gegenstandes für das Verständnis der Grundgedanken weder der
speziellen noch der allgemeinen Relativitätstheorie nötig ist,
so will ich denselben hier verlassen, um erst in den letzten Darlegungen
dieses Büchleins wieder darauf zurückzukommen.
Notes
11E0 ist die aufgenommene Energie, von einem mit dem Körper bewegten Koordinatensystem aus beurteilt.Back 12Von einem mitbewegten Koordinatensystem aus beurteilt. Back 13Die allgemeine Relativitätstheorie legt die Auffassung nahe, daß die elektrischen Massen eines Elektrons durch Gravitationskräfte zusammengehalten werden. Back 14Vgl.
die etwas ausführlichere Darlegung im Anhang. Back
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